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Wokreisel wird Gesprächsraum

Wokreisel baut analoge Gesprächsformate aus und spiegelt sie digital wider. Damit entspricht das Magazin einem aktuellen Medientrend. Als journalistisches Nachrichtenformat bleibt der Wochenkreisel: frische Informationen aus Dahme-Spreewald per E-Mail, immer zum Wochenende.

 

Von Dörthe Ziemer

 

Nach zahlreichen Wahlkreiseln zu Landrats-, Kommunal- oder Bürgermeisterwahlen, die meist strengen Gesprächsregeln folgten, wurde es mit der WOhnzimmer-Reihe im vergangenen Jahr etwas gemütlicher: Mit Macherinnen und Machern an vier Orten habe ich mich zu Perspektiven für Dahme-Spreewald ausgetauscht, die im Wahlkampf nicht unbedingt heiß liefen: etwa zu Kultur und Beteiligung, zu Identität und Heimat, zu guten Entscheidungsprozessen oder zur Gestaltung von Räumen für aktive Teilhabe. Teilnehmende dieser Veranstaltungen haben mir anschließend gespiegelt, welche Themen ihnen unter den Nägeln brennen – daraus ist das Konzept für diesjährige Gesprächsreihe „Wokreisel vor Ort“ entstanden. Gefördert wird sie erneut im Lokaljournalismusprogramm des Landes Brandenburg, ausgereicht durch die Medienanstalt Berlin-Brandenburg.

 

 Lesung und Diskussion über autokratische Systeme mit dem slowakischen Autor Michal Hvorecký. Foto: Karen Ascher

Lesung und Diskussion über autokratische Systeme mit dem slowakischen Autor Michal Hvorecký im März in Groß Köris.

Foto: Karen Ascher

 

Was slowakische Kulturpolitik mit Kommunalpolitik Dahme-Spreewald zu tun hat, wie eigene Wege aus der Dauer-Bildungsmisere gefunden werden können, was Heimatsuchende und Heimathabende verbindet, wie Krieg und Frieden vor unserer Haustür stattfinden, was der Kreistag zur Halbzeit alles geschafft hat und was nicht: Darum geht es in den journalistischen Live-Formaten in diesem Jahr: als Podiumsdiskussion, als Hörkino oder als Fishbowl-Debatte. Unter dem Motto „Wokreisel vor Ort“ lädt das Magazin jedoch nicht nur zu analogen Begegnungen ein, sondern auch zu einem Podcast zu einer aktuellen „Frage des Monats“. Zwei Experten mit unterschiedlichen Positionen kommen ins Gespräch – kontrovers, aber konstruktiv. Vorab können Nutzerinnen und Nutzer ihre Fragen einreichen.

 

Dialog und Beteiligung erscheinen als Schlagworte in zahlreichen Bereichen. Doch gerade im Lokaljournalismus spielen sie eine immer wichtigere Rolle. Warum ist das so? 

 

Lokale Informationen zu bekommen, gleicht heute zunehmend einem Glücksspiel – je nachdem, auf welchem Kanal man aktiv ist. Ohnehin stehen viele Jahrzehnte schon Radio und Fernsehen an der Spitze der Mediennutzungsstatistiken. Doch fallen Printmedien nicht nur dahinter zurück, sondern das auch noch rasant: Die Auflagen von Tageszeitungen, und mit ihnen die Lokalzeitungen, sinken dramatisch. Und während sich in den USA bereits Nachrichtenwüsten bilden, also Gegenden, wo keine Lokalzeitungen mehr erscheinen, ist die Lage in Deutschland so stabil wie fragil. 

 

Denn obwohl überall noch Tageszeitungen verfügbar sind, gibt es immer mehr Ein-Zeitungskreise, also Regionen, in denen nur eine Tageszeitung erscheint. Das zeigt die interaktive Karte der Wüstenradar-Studie zur Verbreitung des Lokaljournalismus in Deutschland. Und obwohl in Deutschland bislang keine negativen Auswirkungen etwa auf politische Partizipation und das demokratische Miteinander feststellbar seien, schlägt der Wüstenradar mit Blick auf Studien aus den USA Alarm: Wo keine lokalen Nachrichten mehr verfügbar sind, sinken Wahlbeteiligung und demokratische Teilhabe, steigen Korruption und Misswirtschaft.

 

In Bezug auf die Versorgung mit lokalen Informationen sind Forschende der Universität Bremen auf ein Öffentlichkeitsparadox gestoßen: Zwar messen vor allem Kollektive wie Vereine oder Institutionen lokaler Information große Bedeutung bei, sind aber immer weniger bereit, klassische Lokalmedien zu konsumieren oder für die eigene Kommunikation zu nutzen (etwa durch Pressemitteilungen). Viele setzen auf eigene Kanäle in Sozialen Medien und anderswo. Es findet eine Aufsplitterung der einst weitgehend homogenen lokalen Öffentlichkeit in Teilöffentlichkeiten, Vereins- oder Parteiblasen statt. Es bleibt häufig dem Zufall überlassen, welche Informationen die Menschen vor Ort überhaupt noch erreichen.

 

Es braucht, so schlussfolgern die Bremer Forschenden, „neue soziale Relationalitäten“ im Journalismus. Mit molo.news haben sie eine Plattform geschaffen, auf der neben klassischen Medieninhalten auch Nachrichten aus der Stadtgesellschaft (Vereine, Initiativen, Einrichtungen) und der öffentlichen Hand (Rathaus-Infos) präsentiert werden. Diese sind nach Orten und Themen filterbar. Die Plattform wurde co-kreativ entwickelt, d.h., im Austausch mit den jeweiligen Informationsquellen und Nutzenden, und sie wird durch ein Redaktionsteam kuratiert. 

 

Der wichtigste Punkt ist jedoch: Die Bereiche von molo.news sind farblich gekennzeichnet, um journalistische von nicht-journalistischen Inhalten zu unterscheiden. Das heißt, ein lokaler Zeitungsartikel wird nicht auf dieselbe Stufe wie eine Pressemitteilung gestellt, aber in einem Umfeld präsentiert, in dem auch andere lokale Player stattfinden. Damit werden zwei Bedürfnisse zusammengeführt: das gesellschaftliche nach einer hinreichenden Informiertheit der lokalen Öffentlichkeit und das individuelle nach lebenspraktischen Informationen. 

 

 Die Studie "Breite x Nähe x Tiefe" ist hier zu finden.

Die Studie "Breite x Nähe x Tiefe" ist hier zu finden.

 

Ähnliches wurde in einer kleinen Studie im Rahmen des Grow-Greenhouse-Stipendiums 2023 festgestellt: Menschen wollen über Termine, Angebote und Vorhaben in ihrer Nachbarschaft informiert sein, aber die lokale Demokratie braucht auch eine informierte Gesellschaft vor Ort. Breite mal Tiefe könnte die Formel dazu lauten: ein breites, buntes Informationsangebot plus tiefe journalistische Recherchen. 

 

Hinzu kommt, was viele Nutzerinnen und Nutzer sich wünschen: die Nähe zu den Journalistinnen und Journalisten. Sie wollen wissen, wer über sie schreibt, wie man diese Personen kontaktieren kann, wie man seine Themen und Erfahrungen einbringt in die öffentliche Debatte. Breite mal Tiefe mal Nähe war die Formel, die der Greenhouse-Report schließlich ausgab. 

 

Bei molo.news fällt dieser Anspruch ebenfalls unter den Begriff der Relationalität: „Wir brauchen klassische Lokalmedien heute genauso stark wie früher, aber wir brauchen sie anders eingebunden und in offeneren Formen als der klassischen Lokalzeitung“, schreiben die Forschenden. Man müsse „neue Wege eines produktiven, lokalen Diskurses finden“.

 

Ähnlich beschreibt das Mediennetzwerk Bayern die aktuellen Medientrends: „Das Jahr 2026 markiert einen entscheidenden Wendepunkt: KI ist längst keine Neuheit mehr, sondern unsichtbare Infrastruktur, die eine radikale Veränderung der Mediennutzung ermöglicht.“ Es herrsche ein „Fluides Medienerleben“, in dem sich klassische Formate auflösen. Parallel dazu wachse eine Sehnsucht nach dem Echten: „In einer digitalisierten Welt werden ‚Menschliche Ankerpunkte‘ zur härtesten Währung. Vertrauen, ‚Real-Life-Rituale‘ und authentische Perspektivenvielfalt bilden den notwendigen Gegenpol zur technischen Perfektion.“ Echte Interaktion werde wichtiger als Reichweite.

 

 Am Umfrageprojekt "Deine Stimme, Deine Themen" zur Bundestagswahl 2025 war auch Wokreisel beteiligt.

Am Umfrageprojekt "Deine Stimme, Deine Themen" zur Bundestagswahl 2025 war auch Wokreisel beteiligt

 

Diesen Weg haben zahlreiche lokaljournalistische digitale Neugründungen wie Relevanzreporter Nürnberg, Vier.Null Düsseldorf, RUMS Münster, Bürgerportal Bergisch Gladbach und auch Wokreisel bereits eingeschlagen. Sie haben sich aus einem empfundenen Mangel an lokaljournalistischer Vielfalt gegründet und setzen inzwischen auf starke Beziehungen zu ihren Nutzerinnen und Nutzern: durch Live-Formate wie klassische Podiumsdiskussionen, etwa vor Wahlen (mit und ohne digitale Übertragung), aber auch offene Gesprächsabende, szenisch präsentierte Recherchen, Crowd-Recherchen etwa zu sicheren Schulwegen oder groß angelegte Umfragen wie in dem Projekt „Deine Stimme, deine Themen“ zur Bundestagswahl

 

Verbunden sind diese Medien in einer Allianz für neue Lokalmedien, angesiedelt beim StartHub des Medienunternehmens Correctiv. Dazu gehört auch Wokreisel. „Wo Lokalmedien sterben, braucht es ein verändertes Informations-System, mitgetragen von vielen kleinen neuen Medien-Projekten und -Organisationen“, heißt es im Leitbild der Allianz. „Unabhängige Community-Medien sind in Zukunft eine wichtige Säule dieses Systems, wir wollen diese Säule weiter ausbauen.“ 

 

Diese Medien treibt an, neue Lösungen für demokratiestärkenden Journalismus vor ihrer Haustür zu suchen. Mit den Mitteln des Community-Journalismus setzen sie sich für ein echtes Miteinander im Lokalen ein. Sie berichten nicht nur für, sondern mit den Menschen vor Ort und schaffen Räume, die Diskurse auf Augenhöhe ermöglichen. Denn eine verlässliche Informationsversorgung, Engagement und Begegnung vor Ort sind das Fundament für die Demokratie. 


Starthub-Badge

 

Die Allianz für neue Lokalmedien ist ein Zusammenschluss von unabhängigen Lokalmedien, die neue Lösungen für demokratiestärkenden Journalismus vor ihrer Haustür entwickeln. 

 

Mit den Mitteln des Community-Journalismus setzen sich die Mitglieder für ein echtes Miteinander im Lokalen ein. Sie berichten nicht nur für, sondern mit den Menschen vor Ort und schaffen Räume, die Diskurse auf Augenhöhe ermöglichen.

 

Organisiert wird die Allianz durch den CORRECTIV.StartHub.

 

Weitere Informationen

Veröffentlichung

Mo, 04. Mai 2026

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