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Sprachwanderungen im Schlosspark

Ein atmosphärisches Hörkino regt Gäste im Schlosspark Golßen zum Nachdenken über Wege der Integration an, aber auch über das eigene Suchen und Ankommen. Und darüber, was Heimat eigentlich bedeutet.

 

Eine Rezension von Karen Ascher

 

Das klingt idyllisch und nett – Im Schlosspark sitzen, Weinchen trinken, in Gartenstühlen oder auf Picknickdecken sitzen und ein Hörspiel hören. Das ist es auch! Und spielt man Inhalt dazu, ergibt sich genau jene Vielschichtigkeit, die so vielen Dingen zugrunde liegt, aber oftmals eindimensional aufgegriffen und diskutiert wird und so jeden Diskurs beendet.

 

Unfreiwillig lud dieser Liegestuhl aus DDR-Zeiten zur Reflexion über Heimat ein. Foto: Dörthe Ziemer

Das Feature „Sprachwanderungen“ von Merle Hilbk, die mit den Gästen gemeinsam hier sitzt, thematisiert ihre Erfahrungen mit Intergration als Zugezogene in Beeskow. Die volle Härte der Situation trifft sie kurz nach ihrem Hauskauf in der schönen Brandenburgischen Altstadt an der Spree, wo alles so schön sein könnte wie die Vorstellung davon: und zwar mit dem Angriff Putins auf die Ukraine im Februar 2024. Sie übernimmt die Leitung von Sprachkursen für Geflüchtete und sieht auf ihrem Weg dorthin Parolen gegen ihre Schülerinnen und Schüler, die mit traumatischen Erlebnissen im Schulraum sitzen. 

 

Wo kann der Ansatz sein, diese Blasen aufzusprengen und echte Annäherung zu schaffen? Merle Hilbk hat eine Idee, mit der sie es versuchen möchte – die Schönheit der Landschaft nutzen, mit Einheimischen und Zugezogenen, aus Berlin und der Ukraine, wandern und Entdecken gehen, beim Wandern reden, Erlebnisse zu schaffen. Alle sind auf der Suche nach Heimat, mancher nennt es lieber Zuhause. Was macht dieses Gefühl aus, wie wird es greifbar, wie genährt? 

 

Es sind die vielen Elemente, die uns langsam mit einem Ort verweben, das was uns vertraut wird, die Wege, die Menschen, die wir wiedererkennen, wissen, wo der Spielplatz ist, wo man baden kann, die Abkürzungen, die Stellen mit den Pilzen, die Buschwindröschenwälder, auf die man im Frühling genau hier wartet, die Gewohnheiten der Schranke, der Postfrau und der doofen Nachbarn. 

 

Und das wächst nicht über Nacht, aber es wächst schneller, wenn man danach sucht und es finden möchte. Nicht jeder möchte seine Geschichte erzählen, aber alle wollen ankommen, wollen irgendeine Sicherheit. Auf den Wanderungen sitzt man nicht im Kreis, muss sich nicht vorstellen und begründen, muss nicht erzählen, wie sehr man seinen Garten vermisst und diejenigen, die nicht mitgekommen sind. Man hilft sich den Abhang hinauf, teilt ein Getränk, schaut gemeinsam in die Ferne. 

 

 Merle Hilbk, Autorin des Features "Sprachwanderungen", berichtete über ihre Zeit in ihrer Wahl-Heimat Beeskow. Foto: Karen Ascher 

 

Vertreibung, Flucht, Unrecht, Entwurzelung, auch innerhalb eines Landes, kalter Krieg und aktueller Krieg, die die überfallen und die die überfallen wurden und werden, es gibt sie überall und es hörte nicht auf und hört nicht auf. Das haben wir in unseren Erinnerungen, kennen es aus Erzählungen und Erlebnissen, alle. Und dann aber finden wir neben diesen traurigen und schlimmen Gemeinsamkeiten auch neue und schöne, lernen im Verein Menschen kennen, die uns mit ihren Fähigkeiten begeistern und die uns damit nahe sind. Treffen den Gewichtheber, dessen Trainingsgewohnheiten irgendwas in uns wachrufen: etwas Bekanntes, Sicherheit Gebendes.

 

Wir haben alle Angst etwas zu verlieren, aber das sollte uns nicht davon abhalten, freundlich zu bleiben, denn wir wissen wie sich das anfühlt, wenn uns jemand freundlich begegnet. Das gibt uns Kraft, selbst etwas auf die Beine zu stellen und in die Gemeinschaft hineinzugeben. Wir brauchen den Mut, geschlossenen Kreise aufzubrechen, es ist gut, aus der Anonymität und Einsamkeit herauszutreten, mitzugehen. Und Menschen nicht nur nach einem Aspekt zu beurteilen, sondern weitere sehen zu wollen. Ablehnung ist manchmal das Resultat von Unsicherheit, sie kann man anders überwinden, zum Beispiel mit Fragen.

 

 Der Schlosspark von Golßen bot die perfekte Kulisse für einen gemütlichen Sommerabend und interessante Gespräche. Foto: Dörthe Ziemer 

 

Das Feature von Merle Hilbk kann man hier nachhören, dann versteht man auch, warum es für den Bundesintegrationspreis nominiert ist. Wir drücken die Daumen dafür! Und selbst wenn es nicht klappt: Vor Ort in Golßen und zuvor in Beeskow und vielleicht an vielen weiteren Orten wird für die Hörenden glasklar: Vieles, was Einzelne getan haben, hat sehr viel bewirkt. Und darum kommen wir nirgends herum.


Das Hörkino fand statt in der Reihe „Wokreisel vor Ort“. Diese lädt dazu ein, zu relevanten Themen unserer Zeit miteinander ins Gespräch zu kommen. Angesichts zahlreicher kontroverser bis konfrontativer Debatten in Gemeindeparlamenten soll dabei der Fokus einmal nicht auf akut verhandelten Themen liegen, sondern über den Tag und die Nachricht hinausblicken. 

 

Das Feature „Sprachwanderungen“ bot viele thematische Zugänge – ob der aktuelle Krieg, der Verlust von Heimat, alltägliche Sorgen einer Kleinstadt, Zusammenleben, gruppenbezogene Vorurteile, Wahrnehmung von Individualität und letztlich die Frage: Was macht Heimat aus und wie wollen wir dort gemeinsam leben und gestalten? Die Gruppe Zuhörender diskutierte bei Brot und Wein im Schlosspark von Golßen gemeinsam mit Autorin Merle Hilbk. 

 

Sich Heimat überhaupt nicht nehmen zu lassen, sondern selbst zu definieren, was Heimat ist, darum ging es bei der Diskussion. Zwei Berlinerinnen, beide bereits im Rentenalter, bemerkten, dass sie lange nicht über Heimat nachgedacht hatten und den Begriff sogar als negativ belegt empfanden. Aber, so wurde sich die Runde einig, wenn Heimat bedroht wird oder verloren geht, dann werde es umso wichtiger, darüber nachzudenken, was sie einem eigentlich bedeutet und wie sich “Beheimatung”, so die Autorin, wieder herstellen lässt. 

Weitere Informationen

Veröffentlichung

Di, 23. Juni 2026

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