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Wie werden wir unsere Vorurteile los?

Welche Wirkung können Vorurteile haben – insbesondere gegenüber marginalisierten Gruppen und Menschen, die nicht genügend Sichtbarkeit für ihre Themen erhalten? Darüber diskutieren zwei Menschen, die selbst zu diesen Gruppen gehören oder mit ihnen arbeiten.

 

Von Dörthe Ziemer 

 

Anlass für diesen Podcast waren beispielsweise die Weiterbildungsreihe „Politikführerschein“ für Frauen in der Kommunalpolitik und der Christopher Street Day kürzlich in Golßen, der sehr friedlich gefeiert wurde. Und plötzlich bekommt so ein Thema tagesaktuelle Relevanz, die sich niemand wünscht: Am vergangenen Wochenende hat es ein feiges Attentat auf den Berliner Christopher Street Day gegeben: Ein Mann war in die Menschenmenge gerast, es gab eine Tote und zahlreiche, teils schwer verletzte Menschen. Und plötzlich ist die Frage, wann bei den fließenden Übergängen zwischen Stereotyp, Vorurteil und Diskriminierung die Grenzen des Tolerierbaren überschritten sind, beantwortet: Gewalt ist nie zu tolerieren, und in diesem Fall speiste sie sich offenbar aus der Ablehnung queeren Lebens. Doch solche Diskriminierungen sind in der Gesellschaft nach wie vor weit verbreitet, wie die Debatten gerade auch nach dem Attentat zeigten

 

Nachzuhören auch auf Spotify.

 

Deshalb antworteten Susann Schulz und Helmut Hummel zunächst auf die Frage, wie sie Debatten nach dem Attentat in ihren Communitys und im Bekanntenkreis erlebt haben. Susann Schulz ist im Ehrenamt Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Wildau, in ihrem Job an der Technischen Hochschule zudem aktiv in der Arbeitsgruppe Diversität und Inklusion und sie engagiert im Repair- und im Digitalcafé Wildau, was sich u.a. an Seniorinnen und Senioren richtet. Helmut Hummel ist für die Linke Stadtverordneter in Golßen und Teil des Organisationsteams des CSD in Golßen, der vor gut einem Monat friedlich stattgefunden hat. Der Christopher Street Day erinnert an den Aufstand Homosexueller in New York im Jahr 1969 und steht weltweit für den Kampf gegen Diskriminierung queerer Menschen. 

 

Er würde sich wünschen, sagt Helmut Hummel, dass die Debatte darauf fokussiert werde, dass es die queere Community ist, die angegriffen wurde – und wie deren Rechte gestärkt und für mehr Sicherheit bei ihren Veranstaltungen gesorgt werden kann. Stattdessen gehe es mehr um Sicherheitstechnik und Strafrecht. Den nun schon zweiten CSD in Golßen schätzt er als Anfangspunkt für organisierte queere Strukturen ein, die es bisher noch nicht gegeben habe. „Hoffentlich tritt da jetzt eine Gewöhnung und eine Normalität ein“, wünscht er sich. 

 

Vorurteile und fehlende Sichtbarkeit, so wurde in dem Gespräch deutlich, lauern an vielen Stellen – ob es um queere Menschen geht, um Menschen mit besonderen Herausforderungen oder auch um Frauen in einer männlich dominierten Lokalpolitik. Sie wünsche sich, sagt Susann Schulz, dass mehr miteinander geredet werde, statt über andere – ohne sie. 

Mit ihren Studierenden testet Susann Schulz gern das Wissen über und den Umgang mit Stereotypen aus. Es zeige sich, erzählt sie, dass viele bekannte Stereotype gepflegt werden. Und wenn die Studierenden versuchen, diese beispielsweise in Bildern zu brechen, so erscheine zwar ein Mann mit Kind auf dem Arm, der den Haushalt erledige. Doch der Haushalt sehe dann ungepflegt aus – getreu dem Klischee, dass ein Mann das gar nicht schaffen könne. 

 

Tatsächlich ist jedoch zu beobachten, dass es immer weniger Frauen etwa in der Lokalpolitik gibt statt mehr. Hier braucht es geeignete Strukturen, um ihnen die Teilhabe zu ermöglichen, etwa durch Kinderbetreuung vor Ort oder mehr digitale Formate. Sie wünsche sich, sagt Susann Schulz, dass über Sorgen zu reden, sich ehrlich zu äußern und lösungsorientiert zu denken, nicht als Schwäche betrachtet würden, sondern als Stärke und erstrebenswerter Zustand.

 

Vorurteile, so das Fazit beider, würden durch das Interesse am Gegenüber, durch Nachfragen, aber auch durch Reflexion eigener Sichtweisen überwunden. Häufig sei es das Fremde, Unbekannte, was Angst und Sorge auslöse, so Helmut Hummel. Er habe mit vielen Stereotypen und Vorurteilen gebrochen – und zwar aus einer Neugier auf Menschen, verrät Helmut Hummel. „Das erweitert den Horizont und man macht überraschende Bekanntschaften damit.“

„Frage des Monats“

Wokreisel stellt regelmäßig zwei Experten eine „Frage des Monats“ zu einem kontrovers diskutierten Thema. Dabei geht es allerdings nicht um Kontroverse, sondern um konstruktive, vielgestaltige Perspektiven auf ein Thema. 

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Veröffentlichung

Do, 30. Juli 2026

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