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Zwischen Kirchturm und Mittagstafel

Beim vierten WOhnzimmer-Gespräch in Lübben ging es um Kommunikationsorte in der Stadt – und wie sie zum Zusammenhalt beitragen. Dabei gibt es bereits viele solcher Orte, aber genauso viele Perspektiven für mehr.

 

Von Merle Hilbk

 

„In WOhnzimmer-Athmosphäre miteinander plauschen”: So erklärte Moderatorin Dörthe Ziemer am Donnerstagabend den Sinn der Gesprächsrunde im Lübbener Weltladen, die fast schon ein bisschen zur Institution in der Region geworden ist. Am 17. Juli fand der vierte und vorerst letzten Teil der öffentlichen Gesprächsreihe statt, die Dörthe Ziemer vom Online-Magazin Wokreisel ins Leben gerufen hat – und so etwas wie eine Ergänzung zu dem lokaljournalistischen Portal für den Landkreis Dahme-Spreewald ist. Schließlich stoßen beide in eine Lücke, die der allmähliche Rückzug der Regionalzeitungen aus dem Lokalgeschehen hinterlässt: das Engagement für die Welt vor der eigenen Haustür.

 

Das WOhnzimmer in Lübben zum Nachhören (Ton: Micha Zoschenz, Grafik: Karen Ascher)

 

Der WOhnzimer-Plausch bringt Menschen aus unterschiedlichen Lebensbereichen zusammen, um sich in entspannter Athmosphäre über Themen auszutauschen, die sie und viele andere bewegen. Eine Art Salon im Weltladen, in dem die lange, weiße Tafel hinter dem Schaufenster festlich gedeckt war. Für die Gäste standen Gurkensandwiches bereit mit Kräutern aus dem eigenen Garten, selbst gebackener Eierlikörkuchen und Kaffee. Eine Atmosphäre, die bestens zum Thema des Abends passte: „Lokalpolitik und Räume“. Dabei ging es nicht nur um die Räume als solche, sondern die große Frage, die sich nicht nur in Lübben derzeit stellt: Wie kann man gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern? 

 

Eine Diskussion, die im digitalen Zeitalter natürlich nicht nur live stattfindet, sondern für jedermann zugänglich im Netz. Deswegen gehört zum Veranstaltungsteam auch Tontechniker Micha Zoschenz, der den Abend für den Youtube-Kanal von Wokreisel aufgezeichnet hat. Und Karen Ascher, Grafikerin aus Lübben, hielt die Gesprächsszenen kunstvoll mit Zeichenstiften und Papier fest.

 

 Ideen und Perspektiven auf unterschiedliche Räume wurden ausgetauscht. Grafik: Karen Ascher 

 

Drei Gesprächspartner aus dem Lübbener Stadtleben waren eingeladen, jeder für sich mit einem anderen Zugang zum Thema. Da war zum einen Weltladen-Gastgeberin Marlies Siegert, die den inzwischen stadtbekannten Laden vor einem Jahr eröffnet hat. Seitdem bietet der Weltladen in der Poststraße nicht nur fair gehandelte Produkte aus aller Welt an, sondern auch einmal pro Woche ein Mittagessen für jedermann. Finanziert wird der Raum anteilig von der Kirche und vom Landkreis Dahme-Spreewald. Zwölf Ehrenamtliche arbeiten hier, beraten, bringen Menschen ins Gespräch – und sorgen dafür, dass auch Gäste, die sich freitags an der zwölf Plätze umfassenden Tafel niederlassen und wenig Geld haben, ein gesundes, frisch zubereitetes Mittagessen bekommen. „Einen bedingungslosen Ort” wolle sie mit dem Weltladen schaffen, erklärt Gründerin Marlies Siegert. „Mit Erfolg!”, bestätigt Martin Liedtke.

 

Martin Liedtke ist Pfarrer an der evangelischen Paul-Gerhardt-Kirche in Lübben. Aber nicht nur das: Seit frühester Jugend ist er in der Feuerwehr aktiv – und dadurch noch einmal auf ganz andere Weise in der Stadtgesellschaft vernetzt. „Seine” Kirche ist durch ihre besonderen Eigentumsverhätnisse – der Glockenturm gehört der Stadt – gerade sehr aktiv mit dem Thema „öffentliche Räume” beschäftigt: Die Gemeinde diskutiert, wie sie den Kirchenraum umbauen kann, um ihn einerseits barrierefrei für ältere Menschen zu machen, andererseits Raum für „nichtkirchliche” Zusammenkünfte zu schaffen. Der Gottesdienstraum sei für 300 Menschen ausgelegt; so viele kämen nur noch selten zum Gottesdienst, erzählt Martin Liedtke. Deswegen soll der Raum geteilt werden, um den neu entstehenden Platz für andere Formen der Zusammenkunft zu nutzen – auch für nichtreligiöse.

 

Pfarrer Martin Liedtke (M.) im WOhnzimmer im Weltladen Lübben. Foto: Karen AscherPfarrer Martin Liedtke (M.) diskutierte mit...

Marlies Siegert und Sarah Benke-Åberg (2. + 3. v.l.) im Weltladen Lübben. Foto: Karen Ascher... Marlies Siegert (2.v.r.) und Sarah Benke-Åberg (3.v.r.). 

 

Sarah Benke-Åberg, Diskussionspartnerin Nummer drei, ist Stadtverordnete für die Grünen in Lübben und Mitglied im Ausschuss für Bau, Planung und Umweltschutz. Derzeit engagiert sie sich besonders für den Hitzeschutz in der Stadt. Plätze wie der Lübbener Marktplatz, der vor 15 Jahren durch Umbau eines Parkplatzes in einen Ort zum Flanieren, Einkaufen und für Feste verwandelt wurde, benötigt eine erneute Gestaltung, um ihn auch in den immer heißer werdenden Sommern gefahrlos nutzen zu können. Sie wirbt für mehr schattenspendendes Grün – nicht nur für den Marktplatz – und hat sich in anderen Städten umgesehen, wie man dort der Hitze begegnet.  Mitgebracht hat sie beispielsweise die Idee mobiler Markisen, Wasserspender und Bassins.

 

Es waren große Fragen, die Moderatorin Dörthe Ziemer in den Raum stellte. Zeitfragen, denen sich die Diskutanten aus der lokalen Perspektive und ausgehend von ihrer eigenen Erfahrung stellten: zum Beispiel, wie gesellschaftlicher Austausch gelingen kann, wenn es immer weniger öffentliche Treffunkte gibt. Und wie Stadträume aussehen müssten, damit sie zu solch einem Austausch einladen. Wie kann man Bürger, die sich zunehmend ins Private oder in ihre eigene, kleine Bubble zurückziehen, dazu bringen, wieder miteinander ins Gespräch zu kommen?

 

 Grafik: Karen Ascher 

 

Nach einer Stunde öffnete sie die Diskussion für die Gäste, die mit an der Tafel saßen. Da wurde der Abend noch lebendiger. Eine Lehrerin erzählte, wie sie mit der Verrechtlichung in Sachen Raummnutzung umgeht, und dass es oft einfach jemanden bräuchte, der entschiede: Wir machen das jetzt so! Dem pflichtete Kommunalpolitikerin Sarah Benke-Åhrberg, die nach Jahren in Brüssel als Expertin für Sozialpolitik in ihre Geburtsstadt Lübben zurückgezogen ist, spontan bei: „Wir müssen es wagen, uns auch öffentlich auseinanderzusetzen. Sich zu streiten, muss von diesem Negativimage befreit werden!” Wenn man neu in einer Stadt sei, sei das allerdings nicht einfach. Nicht immer werde es gut geheißen, wenn man als Neuling seine Ideen einbrächte. Viele Leute hätten Angst vor Veränderungen und wehrten dann ab. 

 

Mit dieser Angst war auch Pfarrer Martin Liedtke zu Beginn seiner Dienstzeit an der Paul-Gerhardt-Kirche konfrontiert: „Als ich hier ankam, dachte ich: Das klingt alles ganz logisch, was du dir ausgedacht hast.! Damit habe ich viele Leute überfordert. Aber ich muss den Leuten klar machen, dass sich die Paul-Gerhardt-Gemeinde wandeln muss, wenn sie weiter existieren will.” Das brachte Marlies Siegert zu einem spontanen Bekenntnis: „Ich mag Wandel!” Das Sicherheitsdenken in Deutschland sei groß – zu groß für ihren Geschmack. Sie wünsche sich, dass mehr Menschen einfach mal losgingen und etwas umsetzten, ohne immerzu ans Scheitern zu denken. 

 

 Grafik: Karen Ascher 

 

Zum Abschluss des offziellen Teil des Abends stellte Moderatin Dörthe Ziemer eine Zukunftsfrage: „Wo finden im Jahr 2050 in Lübben gute Gespräche statt?” – „Ich hoffe, in einer Genossenschafts-Kneipe!”, antwortete Martin Liedtke ohne großes Nachdenken. „Das fehlt in Lübben: ein Ort, an dem man sich in Gemeinschaft vergiften und dabei kickern und Musik hören kann!” Zu so einem wurde der Weltladen dann nach der Diskussion – beinahe. Denn die Gespräche gingen in Grüppchen weiter – bei Kräuterwasser und Tee.

 

 Die WOhnzimmer-Runde im Weltladen Lübben. Foto: Karen Ascher

Die WOhnzimmer-Runde im Weltladen Lübben. Alle Fotos: Karen Ascher


 Grafik: Karen Ascher 

Alle vier WOhnzimmer-Runden in Luckau, Groß Köris, Straupitz und Lübben

sind auf der Projektwebsite verlinkt und dort nachzuhören bzw. nachzulesen.

Weitere Informationen

Veröffentlichung

Mi, 23. Juli 2025

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