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Verratene Liebe

Ein Roman, der für die israelisch-Berlinische Schriftstellerin Lizzie Doron zum Befreiungsschlag wurde: Zum Abschluss der „Lesereihe Halbe Welt“ las sie im Kaiserbahnhof Halbe aus „Was wäre wenn“.

 

Von Merle Hilbk

 

Es gab eine Zeit, als Lizzie Doron sich nichts Sehnlicheres wünschte, als eine dieser strahlenden, enthusiastischen Israelis zu sein, die den Zionismus aufbauen. Mit 18 zog sie in einen Kibbuz auf den Golanhöhen, lernte Reiten und Schafehüten und verliebte sich in einen Mann, der in ihren Augen ein Held war: Jung, schön, zukunftsgewiss – und bereit, für sein Land zu kämpfen. Er zog in den Jom-Kippur-Krieg, kämpfte und wurde gefangengenommen. Als er zu seiner Freundin zurückkehrte, stand kein strahlender Held vor ihr, sondern ein wütender, an allem zweifelnder Mann, dessen „Verrücktheit“ sie nicht ertrug.

 

Eine alte, verdrängte Liebe, die im Zentrum von Dorons aktuellem Buch „Was wäre wenn“ steht, mit dem sie am 16. Juni im Kaiserbahnhof in Halbe zu Gast war. Eine reale Geschichte, die die 59-jährige innerhalb von einer Woche in einen Roman verwandelte. Lizzie Dorons Lesung war die vierte und letzte in der Lesereihe Halbe. Zukunft, die der Verein Halbe.Welt in Zusammenarbeit mit dem Literaturkritiker und Journalisten Mirko Schwanitz organisiert hat.

 

Der 2021 von acht Kulturschaffenden aus der Region gegründete Verein hat eine Agenda, die vor dem Hintergrund des aktuellen Krieges in der Ukraine umso wichtiger erscheint: einer Stadt, deren Name in der öffentlichen Wahrnehmung vor allem für Kriegsgräuel steht, zu neuen Erzählungen zu verhelfen. Kein leichtes Unterfangen, denn Halbe war Schauplatz der brutalen Kesselschlacht am Ende des zweiten Weltkriegs, bei der mehr als 30.000 Soldaten und Tausende von Zivilisten ums Leben kamen. Eine schreckliche Erinnerung, die auch bei Kulturveranstaltungen vor Ort oft im Mittelpunkt steht. Stattdessen will der Verein Kunst und Kultur als „Mittel gesellschaftlicher Verständigung über Grenzen hinweg“ nutzen.

 

„Meine Bücher erzählen von dem Preis, den wir zahlen, wenn Menschen andere Menschen hassen.“
Lizzie Doron

 

Die Lesereihe ist ein multinationales Projekt: Die Autoren stammen aus der Slowakei, Österreich, der Lausitz – und aus Israel. Der israelischen Staatsbürgerin Lizzie Doron wurde für die Lesung ein Englisch-Dolmetscher an die Seite gestellt. Englisch ist in Berlin, wo sie zum Teil wohnt, ihre Alltagssprache. Ihre Bücher schreibt sie nach wie vor auf Hebräisch, und immer noch handeln sie vom Leben in Israel. Und doch sind es keine Israel-Romane: Die Themen, über die sie schreibt, sind universell – und höchst aktuell: Es geht um Identität, um Ausgrenzung und Zugehörigkeit, um die Scham, anders zu sein.

 

„Meine Bücher erzählen von dem Preis, den wir zahlen, wenn Menschen andere Menschen hassen“: das ist einer der ersten Sätze von Lizzie Doron an diesem Abend, in Englisch, direkt nachdem Halbe-Welt-Vorsitzende Dörthe Ziemer sie dem Kaiserbahnhof-Publikum vorgestellt hatte. Das aktuelle Buch heißt „Was wäre wenn“: ein Roman über einen Mann in einem Sterbehospiz, der seine Jugendfreundin, die er jahrzehntelang nicht gesehen hat, bittet, seine letzte Gesprächspartnerin zu sein. Diese Freundin heißt Lizzie, die Roman-Geschichte ist ihre eigene Geschichte – bis auf den Schluss. Denn die echte Lizzie Doron hat ihren Jugendfreund nicht wiedergetroffen, sie weiß nicht, wann und wo ihr Freund gestorben ist. Und hatte eigentlich auch gar nicht vor, über ihn zu schreiben.

 

Lizzie Doron im Kaiserbahnhof Halbe, zusammen mit Übersetzer Stefan Gabriel  und Moderator Mirko Schwanitz (r.). Foto: Dörthe Ziemer

 

Sie saß an einem anderen Buch, war schon halb fertig, als sie zu einem Abendessen in ein Restaurant in Tel Aviv eingeladen ist. Ein Treffen von Bekannten, unter denen auch ein Anwalt war, der sie, die Schriftstellerin, um Rat fragte. Was sie an seiner Stelle machen würde... Er habe einen Anruf aus einem Hospiz bekommen, von einem Mann, von dem er seit Jahrzehnten nichts mehr gehört habe. Dieser Mann habe ihn gebeten, sein letzter Gesprächspartner zu sein. Der Freund wolle ihm diese Bitte nicht abschlagen, aber er habe Angst, denn er wisse nicht, worüber der Mann mit ihm sprechen wolle. Lizzie Doron wusste nicht, was sie dem Anwalt raten sollte. Aber die Geschichte ließ sie den ganzen Abend nicht los.

 

Am nächsten Morgen sagte sie zu ihrem Mann: „Ich habe ein Buch im Kopf, mit genauer Seitenlänge, und ich kenne schon den ersten und den letzten Satz.“ Ein Morgen, an dem sie gemeinsam nach Berlin fliegen wollten. Als sie dort eintrafen, ging Lizzie Doron weder einkaufen noch ins Museum. Sie klappte ihren Laptop auf und schrieb, 20 Stunden am Stück. Sechs Tage lang ging das so, bis sie so erschöpft war, dass sie kaum noch sitzen konnte. Aber sie hatte das Buch zu Papier gebracht, das in Tel Aviv so plötzlich in ihrem Kopf aufgetaucht war. „Ich habe mich gefragt, ob ich auf dem Weg war, verrückt zu werden,“ erzählt sie auf Englisch, nachdem Moderator Mirko Schwanitz die ersten Seiten des deutschen Textes vorgelesen hatte. Sie habe das Gefühl gehabt, von dieser Geschichte besessen zu sein. Davon, sie zum Leben zu erwecken, sie sich „aus dem Körper zu schreiben.“ Nachdem sie das Laptop zugeklappt hatte, rief sie ihre Lektorin an und bat sie, den Text zu lesen und zu sagen, „ob ich nicht verrückt geworden bin.“ Die Lektorin las 50 Seiten und sagte dann: „Der Text ist wunderbar.“

 

Auch der nächste Ausschnitt, den Mirko Schwanitz vorliest, spielt im Hospiz. Die Roman-Lizzie sucht das Zimmer von Yigal – und erinnert sich an eine Szene aus ihrer Kindheit, als die Kindergärtnerin die Eltern vor Läusen warnte und ihre Mutter schimpfte: „Läuse gibt es nur in Auschwitz!“ Ihre Erinnerung springt weiter in die 1970er-Jahre, an den Krieg und ihren Glauben, dass die israelischen Soldaten für die gute Sache kämpfen – den jüdischen Staat. Ein schmerzhafter Erinnerungsprozess, dem die sachlich-knappe, regelrecht analytische Sprache Dorons eine besondere Eindringlichkeit verleiht, der Schwanitz mit seinem ruhigen Vortragsstil Raum gibt.

 

„Etwas in mir hat darin die Chance auf Heilung gesehen. Ein literarischer Weg, mich endlich von meinen Schuldgefühlen zu befreien!“
Lizzi Doron

 

Warum die Kneipengeschichte sie in eine solche Schreibmanie versetzt habe, will eine Zuhörerin in einer der Fragerunden zwischen den Leseteilen wissen. „Etwas in mir hat darin die Chance auf Heilung gesehen,“ antwortet der Übersetzer für Lizzie Doron. „Ein literarischer Weg, mich endlich von meinen Schuldgefühlen zu befreien!“ Schuldgefühle, die sie mit sich herumgetragen habe, seitdem sie sich damals im Kibbuz von ihrem Freund abgewandt habe, der nach seiner Rückkehr aus dem Krieg zum Aktivisten gegen die Besatzungspolitik Israels wurde. Sie selbst schlug den entgegengesetzten Weg ein, verließ den Kibbuz und wurde in Tel Aviv zu einer gefeierten Schriftstellerin, die mitschrieb am Narrativ des neuen Staates. Ihr erster Roman „Warum bist du erst nach dem Krieg gekommen?“ wurde zur Schul-Pflichtlektüre erkoren, die nächsten drei mit Preisen dekoriert. Sie, die Tochter einer Deutschen, Überlebende des Holocaust, hatte endlich das Gefühl, dazuzugehören.

 

Sie habe ein Talent, die Dinge immer direkt anzusprechen!, lobt eine Zuhörerin. Lizzi Doron darauf: „It’s from my mother.“ Foto: Dörthe Ziemer

 

Dann lernte sie einen Palästinenser kennen, der ihr von seinem Leben erzählte. Ein Erlebnis, das sie zu „Who the fuck is Kafka?“ anregte, einem Roman über die Geschichte einer israelisch-palästinensischen Annäherung. Ihr Verlag, dem sie mehrere Bestseller geliefert hatte, wollte den Text nicht drucken. Sie lernte weitere Palästinenser kennen, setzte sich mit der israelischen Besatzungspolitik auseinander und schrieb zwei Jahre später „Sweet Occupation“ über die Organisation der „Freiheitskämpfer“, die sich für ein friedliches Zusammenleben ohne Militärdienst und Vertreibungen einsetzte – und den Ruf hatten, Terroristen zu sein. Die israelische Presse erklärte sie zur Verräterin – und für verrückt. Ihre Schriftstellerkarriere schien beendet.

 

Als sie ihrer Lektorin in Deutschland davon erzählte, bot die ihr an, ihr beim Aufbau einer neuen Existenz in Deutschland zu helfen. In Deutschland, dem Land des Holocaust, in dem Lizzie Dorons halbe Familie umgekommen und ihre Halbschwester und ihr Vater getötet worden waren und das ihre Mutter nach Auschwitz deportiert hatte. Diesem Deutschland, an dessen Kultur die Mutter so hing, dass sie jede Nacht, wenn sie nicht schlafen konnte, deutsche Gedichte rezitierte. Und ihrer Tochter am Morgen einschärfte, diese Sprache niemals in der Öffentlichkeit in den Mund zu nehmen. Denn in ihrem Viertel von Tel Aviv, in dem fast ausschließlich Einwanderer aus Mitteleuropa lebten, bestünde die Gefahr, dass Leute vor Schreck zusammenbrächen, wenn sie an ihrem Fluchtort plötzlich Deutsch hörten.

 

„Wenn ich ein Land wählen müsste, wo ich ausschließlich lebe, dann wäre das auch Deutschland.“
Lizzie Doron

 

„Sie hören: Das Tabu hat sich bei mir festgesetzt!“ sagt Lizzie Doron – auf Englisch. Obwohl sie fast alles verstehe, traue sie sich bis heute nicht, Deutsch zu sprechen. Deswegen hat der Dolmetscher auch Pause, während die Zuhörer eine Frage nach der anderen stellen. Nur für die Antworten – die minutenlangen Antworten von Lizzie Doron, die von sich selbst sagt, man müsse sie bremsen, damit sie nicht endlos erzähle – muss er sich konzentrieren. In einer erzählt sie davon, wie sich das Versprechen ihrer deutschen Lektorin erfüllte: Die Romane, die in Israel nicht erscheinen durften, erschienen zuerst auf Deutsch. In Frankfurt am Main wurde ihr der Friedenspreis der Geschwister Korn und Gerstenmann-Stiftung für Völkerverständigung“ verliehen. 2019 bekam sie in Bern eine Gastprofessur für Weltliteratur. Heute lebt sie in Tel Aviv und in Berlin, zusammen mit ihrem Mann. Ihr Sohn kam als bereits international gefragter Künstler in die Stadt. „Er nennt Deutschland seine Heimat,“ sagt Lizzie Doron, und: „Wenn ich ein Land wählen müsste, wo ich ausschließlich lebe, dann wäre das auch Deutschland.“

 

Sie glaubt, dass in Zukunft noch mehr junge Israelis, Nachfahren von Holocaust-Überlebenden, nach Deutschland kommen werden. „We are back in the end!“ sagt sie. Bis zum Schluss habe sich ihre Mutter in Israel in der Diaspora gefühlt, ein kulturelles Gefängnis, das zu verlassen ihr die Mittel und die Kraft fehlten. Die Mutter, von der sich Lizzie abwandte wie von ihrem Freund Yigal, weil sie zu den „Normalen“ gehören wollte, den enthusiastischen, jungen Israelis; schämte sich für deren „Craziness“, ihre Vehemenz, mit der sie andere dazu bringen wollten, ihnen zuzuhören. Ein doppeltes Schuldgefühl, vom dem sie das Buch „Was wäre wenn“ und der verrückte Schreibprozess nun befreit habe – während dessen sie sich ein neues Ende für ihre gemeinsame Geschichte erfand. Ein Heilungsprozess – für die Autorin, aber wohl auch für den einen oder anderen Leser und Zuhörer.

 

„Sie haben ein Talent, die Dinge immer direkt anzusprechen!“, lobt eine Zuhörerin, während sie Lizzie Doron ein Buch zum Signieren anreicht. Doron unterschreibt, dann schaut sie hoch und sagt lächelnd: „It’s from my mother.“

 

Der Text entstand im Rahmen einer Kooperation mit dem Verein Halbe.Welt als Veranstalter.

Weitere Berichte zur Lesereihe:
>>> Michal Hvorecký: Troll
>>> Robert Prosser: „Gemma Habibi“

>>> Róža Domašcyna: Gedichte

Weitere Informationen

Veröffentlichung

Mo, 27. Juni 2022

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