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Utopie und Wirklichkeit

Mit zwei Sätzen holt Michal Hvorecký Osteuropas Trollfabriken direkt nach Halbe: „Was macht Gewalt in der Sprache?“, fragt er und antwortet: „Das sieht man hier in Halbe: Hier wurden Soldaten bis zum bitteren Ende eines sinnlosen Krieges fanatisiert.“

 

Zehntausende Soldaten und Zivilisten fielen Ende April 1945 in einer der schrecklichsten Kesselschlachten des Zweiten Weltkriegs in Halbe. Im Jahr 2022 herrscht mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine wieder Krieg in Europa – ein hybrider Krieg aus Angriff und Internet-Propaganda. Die Utopie über Trollfabriken, die Michal Hvorecký 2015 in seinem Roman „Troll“ beschrieben hat, ist Wirklichkeit geworden.

 

Michal Hvorecký über seine Eindrücke von Halbe

(automatische Übersetzung einschalten!):

 

 

Am 8. März war Michal Hvorecký in der Lesereihe Halbe.Zukunft im Kaiserbahnhof Halbe zu Gast. Das kleine, diskussionsfreudige Publikum staunt darüber, wie aus Fiktion Wirklichkeit wurde, teilt mit dem Autor das Entsetzen über den Krieg und lernt, wie gezielt und perfide Menschen an Desinformation und Hetze in Online-Netzwerken arbeiten.

 

Michal Hvorecký hat seinen Roman irgendwo in Osteuropas Zukunft angesiedelt – kein Land wird genannt, keine Zeit. Nicht einmal der Held hat einen Namen – denn „jeder von uns könnte dieser Held sein“, sagt der Autor… Der Held befindet sich im Krankenhaus – weil Pandemie herrscht und seine Mutter gegen das Impfen war. Hier schaudert es die Zuhörer, denn der Roman wurde 2015 geschrieben – nicht heute, in dieser real existierenden Pandemie. Es schaudert sie abermals, als der Autor vorliest, wer sein Held ist, wie er sich durchs World Wide Web bewegt und was er dort erlebt: gezielte Attacken, gezielte Desinformation, rasante Vervielfachung von Kommentaren und der Verlust des Gespürs dafür, was wahr ist und was falsch.

 

„Mit den Mitteln der fantastischen Literatur, die damals im Westen noch gar nicht so ernst genommen wurde, konnte man manche Themen viel klarer darstellen.“
Michal Hvorecký, Autor

 

Wie kommt man auf so eine Geschichte, wie recherchiert man sie?, wollen die Zuhörer wissen und werden auf eine Zeitreise in die jüngste Vergangenheit Mittelosteuropas mitgenommen. Sein Vater war Mathematiker, später Informatiker, erzählt Michal Hvorecký. Er sei mit Computern, später mit dem Internet groß geworden, habe jede Neuentwicklung mitgemacht – beispielsweise bei den Sozialen Netzwerken. Hinzu kam, dass sein Vater gern utopische Literatur las – und so wurde er selbst zum Utopisten, sagt er. „Diese Literatur wurde im Osten nicht so streng zensiert wie andere Werke, man konnte offener kritisch schreiben“, erklärt der Autor. „Mit den Mitteln der fantastischen Literatur, die damals im Westen noch gar nicht so ernst genommen wurde, konnte man manche Themen viel klarer darstellen.“

 

Lesung im Kaiserbahnhof Halbe. Foto: Dörthe Ziemer

 

Diese Geschichte spinnt sich im jüngeren Mittelosteuropa weiter: „Das Internet spielt bei uns schon immer eine große Rolle“, sagt Michal Hvorecký. „Wir sind wenige in der Slowakei, die sich öffentlich kritisch äußern. Wir wurden oft angegriffen“ – von eben jenen Trollen, die als teils erfundene, teils reale Menschen durchs Netz hetzen und andere mit ihren Hasskommentaren und Desinformationsbotschaften überziehen. „Ich spürte schnell, dass das eine Gefahr ist, die die Welt verändern kann“, erinnert er sich. Er habe sich in die Welt der Kommentare vertieft und gesehen, dass das „erfundene Welten sind, die die Meinung von Menschen beeinflussen“ sollen. „Ich hatte jedoch mehr Fragen als Antworten, und so beschloss ich, das Thema literarisch zu verarbeiten.“

 

„Das ist hybride Kriegsführung: Die Trollheere werden losgeschickt, um die Meinung zugunsten Russlands zu beeinflussen.“
Mirko Schwanitz, Moderator

 

Was vor sieben Jahren Utopie und Fiktion war, werde heute in Deutschland vor dem Hintergrund der Situation in der Ukraine, aber auch der US-amerikanischen Präsidentschaftswahlen vor fünf Jahren wie ein Kommentar zur Gegenwart gelesen, so die Beobachtung von Michal Hvorecký. Wie Trollfabriken in der Gegenwart arbeiten, zeigt der Moderator des Leseabends Mirko Schwanitz mit einer Zahl: Habe die Redaktion der Frankfurter Rundschau normalerweise mit rund 5-10.000 Kommentaren pro Tag in ihren Netzwerken zu tun, seien es am Tag des russischen Angriffs auf die Ukraine am 24. Februar weit über 20.000 gewesen. „Das war die Attacke einer Trollfabrik“, erklärt er. „Das ist hybride Kriegsführung: Die Trollheere werden losgeschickt, um die Meinung zugunsten Russlands zu beeinflussen.“

 

Dem Schaudern im Publikum versucht Zuhörer Hilmar Stolpe etwas Positives entgegenzusetzen. Er habe sich früh mit den Sozialen Netzwerken beschäftigt, erzählt er – auch mit vielen positiven Erfahrungen wie neuen Freundschaften. Für sein sachliches, vermittelndes Auftreten im Sozialen Netzwerken als Kommentator und Moderator verschiedener Foren hat der Schweriner vor vier Jahren den Preis für Zivilcourage des Landkreises Dahme-Spreewald erhalten. Wenn nun, fragt er, der Roman „Troll“ beschreibt, wie sich die Netzwerke zu einem Monster entwickeln, könne nicht das nächste Buch beschreiben, wie dieses Monster zu etwas Positivem wird?

 

Michal Hvorecký (l.) und Mirko Schwanitz. Foto: Dörthe Ziemer

 

Michal Hvorecký pflichtet ihm bei, die Dinge auch positiv zu betrachten: „In den vergangenen 12-13 Tagen habe ich mich in die 1990er zurückversetzt gefühlt“, sagt er. Denn das Internet helfe nun dabei, dass sich Flüchtlingshelfer vernetzen, dass Hilfen gefunden werden, dass mit digitalen Mitteln Informationen auf Seiten gebracht werden, die sonst Desinformation betreiben. „Das Internet kann immer Medium für Bildung, Kultur und Vernetzung sein“, stellt er fest und nennt ein Beispiel: Vor dem Angriff Russlands auf die Ukraine habe es in Bratislava eine kleine Demonstration gegen das Vorgehens Russlands an der ukrainischen Grenze gegeben. Als der Angriff dann am 24. Februar stattgefunden hatte, waren es plötzlich 20.000 Demonstranten – nur über Online-Netzwerke vermittelt. „Das war politisch wichtig – die Slowakei zeigt sich seitdem überraschend solidarisch.“

 

Es braucht wohl eine neue Utopie von der Gesellschaft im weltweiten Netz – die ebenso Wirklichkeit werden möge wie jene, die Michal Hvorecký in seinem Roman „Troll“ im Jahr 2015 beschrieben hat. Fast alles, was er damals für eine Groteske, für eine maßlose Übertreibung hielt, ist eingetreten: eine Pandemie, die Impfgegner und Wissenschaftsleugner wüten lässt, und eine Netzkommunikation, die von Hass und Lügen bestimmt ist – so sehr, dass die Wahrheit immer unkenntlicher wird. Aber: „Das Medium ist nie schuld“, sagt Michal Hvorecký. „Die Menschen haben es missbraucht, und die Machthaber missbrauchen es.“

 

Dörthe Ziemer

 

Der Text entstand im Rahmen einer Kooperation mit dem Verein Halbe.Welt als Veranstalter.

Den Bericht über die Lesung mit Robert Prosser aus dem Roman "Gemma Habibi" finden Sie hier.

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Veröffentlichung

Mi, 09. März 2022

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