Kaskadenwehr Märkisch Buchholz | zur StartseiteMarktplatz Lübben | zur StartseiteDie Dahme bei Zeuthen | zur StartseiteSchwartzkopffsiedlung Wildau | zur StartseiteTonsee Klein Köris | zur StartseiteTropical Islands | zur StartseiteHöllberghof Langengrassau. Foto: Karsten Floegel | zur Startseite
  • Link zur Seite versenden
  • Ansicht zum Drucken öffnen
 

Ein Klassiker

Das dritte Fliessen-Festival ist Geschichte. Man könne fast schon von einem Klassiker sprechen, zitierte Festival-Leiter Wolfram Korr die Cellistin Marie-Elisabeth Hecker. In der Tat: Viele Bestandteile des Internationalen Kammermusikfestivals sind klassisch gut.

 

Von Dörthe Ziemer

 

Zu sechs Konzerten ist Irma Ewertz aus Berlin in die Niederlausitz gereist. Und ja, „nach so kurzer Zeit“ sei das Festival Fliessen ein Klassiker geworden, schätzt sie ein – vor allem der Musiker wegen. „Die ganze Truppe“ hat es ihr angetan – wie sie so offensichtlich viel Spaß beim Musizieren und im Zusammensein habe. Bereits im vergangenen Jahr war Irma Ewertz dabei, und nun hat sie fast das gesamte Festival erlebt, was nicht so einfach ist, denn es bedeutet, sich eine Woche lang fast jeden Abend auf den Weg zu machen. Etwa die Hälfte aller Gäste war bei mehreren Konzerten, ein Zehntel hat nach Veranstalterangaben alle acht Konzerte besucht. Irma Ewertz muss sich sogar den ganzen Tag freinehmen, denn der Shuttle der Brandenburgischen Sommerkonzerte aus Berlin beginnt meist schon mittags und endet nicht selten gegen Mitternacht. Die betagte Dame ist nicht mehr gut zu Fuß, weshalb sie sich beim Beiprogramm meist für die Gesprächsrunde entscheidet – ebenfalls ein Klassiker des Festivals wie auch der Brandenburgischen Sommerkonzerte, dem Träger von Fliessen, insgesamt. „Lehrsam und unterhaltsam“ zugleich, findet die Berlinerin.

 

 Ein Klassiker in Lübben: gemeinsames Singen nach dem Fliessen-Gespräch. Foto: Dörthe Ziemer

Ein Klassiker in Lübben: gemeinsames Singen nach dem Fliessen-Gespräch. Foto: Dörthe Ziemer

 

Einen Konzerttitel indes widerlegten die knapp 20 Musikerinnen und Musiker unter der künstlerischen Leitung des in Bornsdorf ansässigen Paars Marie-Elisabeth Hecker (Cello) und Martin Helmchen (Klavier): „Schönheit ohne Perfektion“ verwandelten sie zu „Schönheit durch Perfektion“. Die Künstler, die auf den prominentesten Konzertbühnen der ganzen Welt zu Hause sind, brachten an acht ganz unterschiedlichen Niederlausitzer Orten Kammermusik auf höchstem Niveau zu Gehör: in dieser Konsequenz der zentrale Grund, warum das Festival ein Klassiker geworden ist. Klassisch im Sinne von „vollendet, mustergültig, vorbildlich“.

 

Die Perfektion, mit der die zumeist jungen Menschen musizierten, machte die Stücke durchsichtig, klar und zugleich tief. Die Emotion, mit der sie spielten, ließ die Musik nah und nachfühlbar werden. In der Lübbener Paul-Gerhardt-Kirche etwa hinterließ die Sonate für Cello und Klavier von Alfred Schnittke (1934-1998), gespielt von Marie-Elisabeth Hecker und Martin Helmchen, in ihrer Düsternis eine gewisse Schwere auf den Schultern der Zuhörer. „Während bei Paul Gerhard die Abgründe stets ins Positive gewendet werden, gibt es bei Alfred Schnittke kein Happy End“, hatte Martin Helmchen vielsagend angekündigt.

 

 „Quatuor pour la fin du temps“ von Olivier Messiaen wurde im Nachtkonzert in Luckau gespielt von Martin Helmchen, Marie-Elisabeth Hecker, Stephen Waarts und Sebastian Manz (v.l.). Foto: Dörthe Ziemer

„Quatuor pour la fin du temps“ von Olivier Messiaen wurde im Nachtkonzert in Luckau gespielt

von Martin Helmchen, Marie-Elisabeth Hecker, Stephen Waarts und Sebastian Manz (v.l.). 

Foto: Dörthe Ziemer

 

Nicht minder schwer wog das „Quatuor pour la fin du temps“ (Quartett für das Ende der Zeit) von Olivier Messiaen (1908-1992), dass dieser 1941 in der Gefangenschaft in Görlitz geschrieben und auch dort mit den verfügbaren Instrumenten und Musikern uraufgeführt hatte. In der Nikolaikirche Luckau erklang es nach 2023 bereits zum zweiten Mal im Rahmen des Fliessen-Festivals, diesmal musiziert von Sebastian Manz (Klarinette), Stephen Waarts (Violine) und dem Gastgeber-Paar Hecker und Helmchen. Das Werk verweist auf die Johannes-Offenbarung, in der ein Engel seine Hand zum Himmel hebt und das Ende aller Zeit verkündet: Apokalypse und Lobgesang erklingen nacheinander und gemeinsam zugleich in acht Sätzen in unterschiedlichen Besetzungen. Die dunkle Stille, die nach der Aufführung im Luckauer Nachtkonzert herrschte, hätte ewig andauern können. 

 

 Das Kavierquintett f-Moll von Johannes Brahms wurde in Glashütte gespielt von Antje Weithaase, Martin Helmchen, Stephen Waarts, Sào Soulez Larivière und Marie-Elisabeth Hecker (v.l.). Foto: Dörthe Ziemer

Das Kavierquintett f-Moll von Johannes Brahms wurde in Glashütte gespielt 

von Antje Weithaase, Martin Helmchen, Stephen Waarts, Sào Soulez Larivière und Marie-Elisabeth Hecker (v.l.). 

Foto: Dörthe Ziemer

 

Aus der Vielfalt der Werke der Klassik und Romantik stach besonders das Klavierquintett f-Moll von Johannes Brahms (1833-1897) heraus, in Glashütte gespielt von Antje Weithaas, Stephen Waarts (Violine), Sào Soulez Larivière (Bratsche) und wiederum dem Gastgeber-Paar. Seit es Fliessen gibt, habe er dieses Werk spielen wollen, gestand Martin Helmchen in der Alten Hütte. „Das Stück hat mich als Teenager bis in den Schlaf verfolgt“, sagte er. Es sei ein Werk, bei dem sich „durch die Darstellung von Tragik und Dunkelheit etwas löst“. Dieses Prinzip durchzog viele Konzertprogramme: Schwere, die sich auflöst und Zuversicht verbreitet. Wie wohltuend etwa, dass in Lübben und Luckau Werke von Johann Sebastian Bach (1685-1750) gegen die Schwere Schnittkes und Messians gesetzt wurden: Da stiegt mit den Tönen jede Menge Hoffnung ins Kirchenschiff. Von Bachs Kantate „Ich steh mit einem Fuß im Grabe“ hätte sich das Luckauer Publikum offenbar mehr als nur die Sinfonia gewünscht, deshalb geriet der Applaus etwas zu spärlich.

 

Üblicherweise enden die meisterhaft gespielten Stücke mit langem Applaus, der die Künstler zwei, drei Mal auf die Bühne holt, und die Abende nicht selten mit Standing Ovations. Die gelten nicht nur der meisterlichen Musizierweise, sondern den persönlichen, mal gewitzten, mal berührenden Anmerkungen der Musikerinnen und Musiker zu den Stücken – auch das inzwischen ein Klassiker dieses Festivals. Ebenso übertrugen sich die auf der Bühne gelebte Leidenschaft mit und Freundschaft in der Musik sicht- und hörbar auf das Publikum, das Jubelrufe, Applaus und viel Lächeln zurückgibt. So wurden einige von Brahms‘ Ungarischen Tänzen im „Musikalischen Salon“ auf Schloss Lübbenau durch die Interpretation von Danae Dörken und Cédric Pescia zu einem wahren Freudentanz am Klavier. Eindrucksvoll auch das Trio Es-Dur für Horn, Violine und Klavier von Johannes Brahms, bei dem Sibylle Mahni am Horn mit Stephen Waarts und Martin Helmchen in der Lübbener Kirche brillierte. Es dürfte das erste Horn bei Fliessen gewesen sein, und manch einer wünschte sich mehr davon.

 

 Trio für Horn, Violine und Klavier von Johannes Brahms, gespielt in Lübben von Sibylle Mahni am Horn mit Martin Helmchen am Klavier und  Stephen Waarts an der Violine (v.r.). Foto: Dörthe Ziemer

Trio für Horn, Violine und Klavier von Johannes Brahms, gespielt in Lübben

von Sibylle Mahni am Horn mit Martin Helmchen am Klavier und  Stephen Waarts an der Violine (v.r.)

Foto: Dörthe Ziemer

 

Froh waren jene, die wiederholt zu Fliessen kamen, auf der Bühne „alte Bekannte“ zu sehen, „Klassiker“ also: Mit Stephen Waarts, Primin Grehl, Theo Platz, Timothy Ridout und Antje Weithaas waren Künstler der ersten beiden Festival-Ausgaben erneut in die Niederlausitz gekommen. Wie in ihren Social-Media-Kanälen zu sehen war, hatten sie und alle neuen Gäste auch jenseits der Konzerte eine fröhliche Zeit in der Region – ob beim Kahnfahren oder beim abendlichen Wein. Es heißt, wie der Tagesspiegel erfuhr, dass sich Konzertagenten inzwischen vergeblich die Zähne ausbeißen, um die Künstler während der Fliessen-Zeit zu buchen. 

 

Ihnen gegenüber sitzt das, so kann man sagen, „klassische“ Konzertpublikum der Brandenburgischen Sommerkonzerte: meist ein Bus voller Berliner weit jenseits des Berufslebens, darunter viele, durchaus kritische, Kenner und Liebhaber der klassischen Musik. Dazu kommen mal mehr, mal weniger Einheimische. In Luckau etwa war ein Großteil des Freundeskreises Brandenburgische Sommerkonzerte versammelt sowie Gäste aus den Nachbarstädten. Nach Lübben oder Glashütte hatten sich derweil weniger Einheimische aufgemacht. In der Bornsdorfer Drauschemühle, dem Wohnsitz des Gastgeber-Paars, wiederum war in den Sitzreihen hin und wieder ein „Die Musik ist zwar nicht so meins, aber ich wollte mal den Ort erleben“ zu hören. Stolz auf das, was da in der Region stattfindet, schwingt dabei gewiss mit. Und wer weiß, welche neuen Saiten durch die Musik bei diesen Gästen angeschlagen werden. Etwa wie in Lübben, wo Schnittkes düsteres, teils atonales Werk auch Ratlosigkeit hervorrief – und zugleich die Feststellung: „gut, dass ich das trotzdem einmal gehört habe“.

 

 Konzertpublikum in der Lübbener Paul-Gerhardt-Kirche. Foto: Dörthe Ziemer

Konzertpublikum in der Lübbener Paul-Gerhardt-Kirche. Foto: Dörthe Ziemer

 

Weniger Zulauf durch Einheimische als vielmehr durch das klassische Sommerkonzerte-Publikum haben derweil die Fliessen-Gespräche. Auch sie ein Klassiker, nicht nur, weil sie seit dem ersten Jahr stattfinden, sondern seitdem entlang der Themen entwickelt werden, die die Konzertorte bereithalten: Handwerk in Glashütte, Spiritualität in Lübben, Naturschutz in Bornsdorf. Diesmal ging es um Spitzenleistungen oder Lampenfieber, um Salonkultur oder Spiritualität. Zu Gast waren neben einigen Fliessen-Musikern Menschen, die viel zu sagen haben zu diesen Themen, manchmal nicht zum ersten Mal bei diesem Festival. 

 

Da haben vor der Paul-Gerhardt-Kirche Lübben der Anlagenberater Timon Heinrich als Vertreter eines der Sponsoren, die Pfarrerin Dorothee Land und Wolfram Korr, Chef der Brandenburgischen Sommerkonzerte, dem Thema Spiritualität nachgespürt – ein Zustand, den gläubige Menschen so scheinbar leicht erklären, Nicht-Gläubige wie Moderator Thomas Köstlin aber schwer nachempfinden können. In Glashütte ging es mit der Neurologin und Klavierschülerin Gisela Damaschke, dem Leiter des Cottbuser Konservatoriums Michael Dittrich und dem Fagottisten Theo Plath um das berühmte Kopfkino: was es bei Musikern vor dem Auftritt auslöst und was neurologisch dabei passiert.

 

 Fliessen-Gespräch in Lübben mit Wolfram Korr, Thomas Köstlin, Timon Heinrich und Dorothee Land (v.l.). Foto: Dörthe Ziemer

Fliessen-Gespräch in Lübben zum Thema Spiritualität mit Dorothee Land, Timon Heinrich, Thomas Köstlin und Wolfram Korr (v.r.). Foto: Dörthe Ziemer

 

Vielleicht steckt gerade in diesen Gesprächsrunden ein Potenzial, das sie ebenfalls zu Klassikern im besten Sinne, weniger im Sinn von klassisch als „herkömmlich“, macht: mehr Interaktion mit einem aufmerksamen, höflichen Publikum und mit den Menschen, die an den Fliessen-Orten leben. Denn das ist zweifelsfrei, neben der Virtuosität der Musik, der größte Fliessen-Klassiker: die Einbettung der Kunst und Künstler aus aller Welt in diese Region (bis hin zum Kuchenbuffet der lokalen Kita), die daraus resultierende Nahbarkeit der Akteure und die Leichtigkeit, mit der all dies geschieht. Oder, wie Graf Rochus zu Lynar als Gastgeber auf Schloss Lübbenau es formuliert: „Fliessen ist ein Gesamtkunstwerk“. Und Martin Helmchen bringt auf den Punkt, was nicht dabei ist: Fliessen sei ohne all das übliche pompöse Beiwerk eben „kein Unsinn-Festival“.

 

Bilanz kurz & knapp:

  • Name Fliessen:
    Fließe des Spreewaldes, Fluss der Musik, Fluss der Zeit (Strukturwandel in der Lausitz)

  • Teilnehmende: 
    Andreas Brantelid, Violoncello; Danae Dörken, Klavier; Vilde Frang, Violine; Pirmin Grehl, Flöte; Martin Helmchen, Klavier; Marie-Elisabeth Hecker, Violoncello; Maria Ioudenitch, Violine; Sibylle Mahni, Horn; Sebastian Manz, Klarinette; Cédric Pescia, Klavier; Theo Plath, Fagott; Timothy Ridout, Viola; Pauline Sachse, Viola; Sáo Soulez-Larivière, Viola; Julian Steckel, Violoncello; Philippe Tondre, Oboe; Stephen Waarts, Violine; Antje Weithaas, Violine;

  • fast 2.000 Gäste, davon etwa die Hälfte bei mehreren Konzerten, ein Zehntel bei allen acht Konzerten.

  • Auslastung: 80 Prozent

  • Förderer: Land Brandenburg, Landkreise Dahme-Spreewald & Teltow-Fläming

  • Anteil Fördermittel an Gesamtfinanzierung: ca. 60 Prozent

  • 4. Auflage 2026: Ende Juni oder Anfang Juli; 4 bis 5 Konzerte; zweijährlicher Wechsel zwischen längerer und einer kürzerer Festivaldauer

  • www.fliessenfestival.de

Quelle: Brandenburgische Sommerkonzerte


Hinweis zur Transparenz: Die Autorin ist als freiberufliche Projektmanagerin im Bereich Kultur in der Region unterwegs

 

Weitere Informationen

Veröffentlichung

Di, 15. Juli 2025

Bild zur Meldung

Weitere Meldungen

Weniger Geld, aber neue Ideen

Dissident im Heute

aktueller WOCHENKREISEL

  • Freigestellt: Der RVS-Geschäftsführer soll sich zu möglichen Dienstvergehen äußern, und alle warten ab

  • Beschlossen: Schulzendorfer Gemeindevertreter lehnen mehrheitlich Kita-Neubau endgültig ab

  • Eingeladen: Zwei Wokreisel-Live-Gespräche stellen Bildung und „Krieg und Frieden“ in den Mittelpunkt

Wokreisel vor Ort

Themen & Termine für 

Podiumsdiskussionen, Hörkino & mehr

Podcast „Frage des Monats“

  

Veranstaltungen

Brandenburgisches Sommerkonzert 2015 (13)

#dahmespreewald

Socialmedia