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Alleebäume contra Straßenbau

In Zeuthen, Eichwalde und Lübben fallen derzeit Alleebäume Straßensanierungen zum Opfer – trotz zahlreicher Bemühungen zum Erhalt. Anwohnerproteste führen selten zum Stopp der Fällungen – oft aber zu wichtigen Kompromissen.

 

Von Birgit Mittwoch

 

Die Roteiche verliert Ast für Ast ihre Baumkrone, der starke Arm der Baumfällmaschine greift kräftig hinein ins dicke Astholz. Am Ende bleibt nur noch der kahle, runde Stamm, der jetzt sauber und schnell von den mächtigen Wurzeln getrennt wird. Ungefähr 80 Jahre lang konnte die Roteiche an der Zeuthener Straße in Eichwalde ungestört wachsen, jährlich neues Grün austreiben, bis die mächtige Fällmaschine die Stahlzähne an sie legte. Die Roteiche ist nur einer von 30 Alleebäumen zwischen Friedensstraße und Lindenstraße in Eichwalde, die Ende Februar gefällt wurden. 

 

Die Bäume mussten für die Erneuerung der Zeuthener Straße auf einer Länge von ca. 1.000 Metern weichen. Seit 15 Jahren, sagt Eichwaldes Bürgermeister Jörg Jenoch, gebe es den Wunsch seiner Kommune, die Straße zu erneuern. Die Straße ist genauso alt wie die Bäume, die sie einst lückenlos säumten. In den Jahren zuvor wurden bereits viele Bäume gefällt, weil sie nicht mehr standsicher waren oder erkrankt oder den fließenden Verkehr behinderten. Nachgepflanzt wurden diese nicht. Eine Straßenerneuerung sei auch der Wunsch vieler Anwohner, so Jörg Jenoch, weil das Steinpflaster einen gewissen Geräuschpegel verursache, da es an vielen Stellen durch die Baumwurzeln hochgedrückt wurde und schadhaft sei. 

 

Die Einführung einer Geschwindigkeitsbegrenzung auf 30km/h habe leider nicht das gewünschte Ergebnis gebracht, so der Bürgermeister: Viele der ca. 3.500 Fahrzeuge pro Tag und Richtung fuhren schneller. Nun soll also eine sogenannte grundhafte Erneuerung dieses Straßenabschnittes erfolgen – grundhaft heißt, die alten Pflastersteine kommen weg, der Untergrund wird tief ausgebaggert, mit Kies und Sand verfestigt, die Straßendecke wird später aus Asphalt sein. Dabei sind die Bäume, die tatsächlich oft nah am Straßenrand stehen, im Weg. Zu retten seien die leider nicht mehr, der Wurzelbereich würde durch den Straßenausbau geschädigt, ist Jörg Jenoch überzeugt. 

 

In mehreren Einwohnerversammlungen wurde über den Bau der Straße informiert, ebenfalls im „Eichwalder Boten“, einem nichtamtlichen Informationsblatt für Eichwalde. Eine Mehrzahl der Bürger, so meint Bürgermeister Jörg Jenoch, sei mit dem Neubau und damit auch der Fällung der alten Alleebäume einverstanden. Protest dagegen gibt es dennoch. 

 

Fällung von Roteichen in Eichwalde. Foto: Peter MittwochBaumfällarbeiten in Eichwalde: Erst die Krone, ...

Fällung von Roteichen in Eichwalde. Foto: Peter Mittwoch...dann der Fuß.      Fotos: Peter Mittwoch

 

Der dicke Stamm der Roteiche liegt nun am Boden, zersägt in große Abschnitte. Ein großes rotes F ist auf der borkigen Rinde noch gut zu erkennen. Das hatten Einwohner und Mitglieder des Naturschutzbundes (Nabu) Dahmeland auf alle zu fällende Alleebäume gesprüht – aus Protest gegen deren Rodung. 

 

Gut 30 Protestierende, darunter auch ein Lehrer und Schüler der Humboldt-Grundschule in Eichwalde, hatten sich am ersten Tag der Fällung vor Ort in Eichwalde eingefunden. Gegen die Straßensanierung seien sie nie gewesen, so Juliane Bauer vom Nabu Dahmeland. Aber Alleebäume müssten entweder erhalten oder neu angepflanzt werden, begründet Juliane Bauer ihren Protest. Tatsächlich stoppt die Firma an diesem Tag die Fällarbeiten, obgleich sie vom Brandenburger Landesbetrieb für Straßenwesen und der Naturschutzbehörde des Landkreises Dahme-Spreewald genehmigt worden waren. Dennoch blieben beim Nabu Dahmeland Zweifel an der Fällaktion. „Wir wollten ein Zeichen setzen, weil wir generell für die Erhaltung von Alleen sind. Laut Bundesnaturschutzgesetz sind diese geschützt. Das sieht in der Praxis leider oft anders aus“, so Juliane Bauer.

 

Im Jahr 2014 gab es an Bundes- und Landesstraßen noch circa 2.050 Kilometer Alleen, im Jahr 2019 waren es nur noch 1.737 Kilometer.
Alleenstatistik für Brandenburg

 

Tatsächlich ist der Bestand an Alleenbäumen in Brandenburg in den letzten Jahren stetig zurückgegangen – ganz entgegen den Bekundungen der Brandenburger Landesregierung: „Es ist erklärtes politisch und gesetzlich verankertes Ziel, den Alleenreichtum entsprechend seiner landesgestalterischen, landeskulturellen und kulturhistorischen Bedeutung in Brandenburg zu erhalten. Ziel ist es, den folgenden Generationen funktionierende Alleen mit dem ganz eigenen Rhythmus dieser Gehölzbestände so zu übergeben, wie wir heute die derzeitigen Altbestände erleben können.“ Seit 2007 gibt es sogar eine vom Ministerium für Infrastruktur verabschiedete Alleenkonzeption: „Zur Entwicklung der Alleen an Bundes- und Landesstraßen in Brandenburg“ Doch trotz Konzeption und Absichtserklärungen schwindet der Bestand an Alleenbäumen stetig. Im Jahr 2014 gab es an Bundes- und Landesstraßen noch circa 2.050 Kilometer Alleen, im Jahr 2019 waren es nur noch 1.737 Kilometer. 

 

 Seestraße in Zeuthen. Oft ist gar nicht genug Platz, um neue Alleebäume 4,50 Meter entfernt vom Straßenrand zu pflanzen. Foto: Peter MittwochWarum das so ist, erklärt Steffen Streu, Pressesprecher des Landesbetriebs für Straßenwesen Brandenburg, der für die Zeuthener Straße in Eichwalde als Landesstraße L 401 zuständig ist, mit dem grundsätzlichen Konflikt ‚Alleenbäume versus Straßensanierung‘. Eigentlich sehe die Alleekonzeption vor, die gefällten Bäume zu ersetzen. „Das ist jedoch oft ein Problem der Flächenverfügbarkeit. Laut gesetzlichen Festlegungen, aus Gründen der Verkehrssicherheit, müssen neue Alleenbäume 4,50 Meter vom Straßenrand entfernt gepflanzt werden. Diese Flächen sind in vielen Fällen entweder gar nicht vorhanden oder wenn doch, gehören diese oft anderen Eigentümern. Da haben wir keine Verfügung darüber, können somit nicht neu anpflanzen. Das ist leider ein großes Thema.“

 

Konkret heißt das für das gesamte Bundesland Brandenburg, dass es der Alleebaumstatistik zufolge letztmalig 2013 eine positive Bilanz gegeben hat. In diesem Jahr wurden 450 mehr Bäume nachgepflanzt als gefällt. Summiert man die Zahlen von 2014 bis 2022 ergibt sich ein Minus von insgesamt 19.632 Alleebäumen. Aus den berühmten Brandenburger Alleen drohen profane Straßen zu werden.

 

Im Fall von Eichwalde und den Alleebäumen soll es jedoch eine positive Bilanz geben. Glücklicherweise gebe es vor Ort einen ausreichend breiten Grünstreifen und somit Platz für Neupflanzungen, sagt Steffen Streu. 112 neue Bäume sollen nachgepflanzt werden. Übrigens hätten für die Fällung der 30 alten Bäume alle umweltfachlichen Prüfungen und Genehmigungen vorgelegen, ergänzt Steffen Streu, und auch das Landesbüro der anerkannten Naturschutzverbände (zu dem der Nabu und andere Verbände gehören) habe dazu seine Zustimmung gegeben. 

 

Nach den Protesten vor Ort in Eichwalde habe der Landesbetrieb für Straßenwesen dennoch Gesprächsbereitschaft signalisiert, sagt die stellvertretende Nabu-Vorsitzende Juliane Bauer. Das Ergebnis der Beratung: Es sollen sechs Bäume vorerst stehen bleiben, für die Neupflanzungen werden nur einheimische Baumarten ausgewählt und der Wurzelraumbereich wird für ein besseres Anwachsen auf bis zu zwölf Kubikmeter erweitert, bisher war lediglich ein Kubikmeter vorgesehen. So gibt es nun mehr Platz und Licht für die neue Allee.

 Juliane Bauer, Nabu Dahmeland. Foto: Peter Mittwoch

Juliane Bauer vom Nabu Dahmeland hofft auf Erhalt von Alleebäumen so wie in der Lindenallee Wildau. Foto: Peter Mittwoch

 

Für Neuanpflanzungen in der Seestraße in Zeuthen gibt es keine so günstigen Voraussetzungen wie in der Zeuthener Straße in Eichwalde. Dort stehen alte, äußerlich intakte Bäume, meist Linden, dicht an dicht. Im Sommer bilden sie ein grünes Dach über Straße und Fußweg. 261 von ihnen sollen einem Straßenneubau weichen. Noch läuft das Planfeststellungsverfahren, eine endgültige Genehmigung für die Fällung ist noch nicht erteilt.

 

Seit 2016 wird wegen der Sanierung diskutiert, seit 2016 engagieren sich Henry Streckenbach und gut zwei Dutzend weitere Zeuthener in der Bürgerinitiative „pro Allee“ aktiv gegen die Fällung. Gemeinsam mit Juliane Bauer vom Nabu Dahmeland ist er immer wieder vor Ort, misst Fahrbahnbreiten, prüft Alternativen. Ein „Kahlschlag“ sei überhaupt nicht nötig, ist sich Henry Streckenbach sicher. Die Zeuthener Seestraße geht in Richtung Wildau unmittelbar in die Lindenallee und die Fontaneallee über. Straßenbreite, Baumbepflanzung und Fußwege sind ähnlich. Vor ca. 15 Jahren war dort ebenfalls eine Straßensanierung nötig geworden. Und – fast alle alten Alleebäume konnten stehen bleiben. Warum das nicht auch in Zeuthen möglich sei, fragt Henry Streckenbach. 

 

Damals wurde in Wildau die Fahrbahnbreite auf 6,50 Meter verringert, verkehrstechnisch sei das ausreichend, und für die Alleebäume war es die Rettung, so Henry Streckenbach. Das sei ebenfalls in der Seestraße möglich, ergänzt Juliane Bauer. Die derzeitigen Ausbaupläne sehen sowieso eine Verschmälerung der Seestraße um 50 Zentimeter vor, Grünstreifen und Gehweg bleiben erhalten, ein Radweg ist nicht geplant. Eine gute Chance, die gesunden alten Bäume zu stehen zu lassen. In die bisherigen Planungen mit einbezogen wurde diese behutsame Sanierung jedoch nicht, bedauern beide.

 

 Henry Streckenbach, Bürgerinitiative "pro Allee". Foto: Peter Mittwoch

Henry Streckenbach von der Bürgerinitiative „pro Allee“. Foto: Peter Mittwoch

 

Bürgerinitiative und Nabu Dahmeland haben im letzten Jahr eine Online-Petition „Unsere Allee – passé? Nee“ gestartet – gut 2.300 Menschen haben diese unterzeichnet. Mehr als 200 protestierten im November letzten Jahres vor Ort gegen die Rodungspläne in Zeuthen. Leider, so Juliane Bauer und Henry Streckenbach, hätten die Bedenken und Vorschläge von Nabu Dahmeland und Bürgerinitiative bisher kein Gehör in Verwaltung und der Gemeindevertretung Zeuthens gefunden – trotz mehrerer Versuche. Solange das Planfeststellungsverfahren noch laufe, sagt Steffen Streu vom Landesbetrieb für Straßenwesen, könne er zu den Ausbauplänen und der beabsichtigten Fällung der 261 Alleebäume in der Seestraße nichts sagen. Beschlossen sei bisher nichts.

 

In Eichwalde sind inzwischen alle Alleebäume gefällt. Mit Bedauern sieht ein Anwohner auf die kräftigen Baumstämme, die vor seinem Grundstück liegen herab. „Das war ein gesunder Baum, der hat jede Menge CO2 in guten Sauerstoff umgewandelt“, meint er. Ein Herr auf der anderen Straßenseite dagegen freut sich, dass nun bald eine neue asphaltierte Straße gebaut wird. „Dann wird es hier endlich leiser.“ Eine Frau hinter ihrem Gartenzaun sagt: „Ich sehe es mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Bis neue Bäume hier den CO2 Verbrauch kompensieren, kann es dauern. Eine neue Straße ist aber auch schön.“

 

INFO: Bürgerbeteiligung und Straßensanierung in Lübben

In Lübben wird derzeit die Kastanienallee saniert. Eine Anwohner-Petition hatte 2021/22 zu einer zusätzlichen Bürgerbeteiligung geführt. Im Ergebnis dieser wurden die Planungen verändert:

  • Auf einen beidseitigen Gehweg und auf Parktaschen wurde zugunsten einer beidseitigen Baumbepflanzung verzichtet. 

  • Außerdem wurden entgegen ursprünglicher Planungen einer kompletten Abholzung insgesamt 28 Kastanien erhalten.

  • Es werden abermals Kastanien gepflanzt, obgleich die Planer ursprünglich wegen eines möglichen Befalls durch die Miniermotte eine andere Baumart vorgesehen hatten. Nun soll die Anpflanzung in Baumgruppen einem ganzheitlichen Befall der Bäume mit Schädlingen vorbeugen.

  • Statt Kopfsteinpflaster wird Asphalt für die Decke verwendet. Um dennoch an den ortsbildprägenden Charakter des Pflasters anzuknüpfen, sollen die Entwässerungsrinnen und die Anschlussstellen der Zufahrten zu den Grundstücken mit Granitpflaster hergestellt.

 Kastanienallee Lübben. Foto: Karen Ascher

Bei der Kastanienallee in Lübben wurden die Planungen nach Anwohnerprotesten verändert. Foto: Karen Ascher


Hinweis zur Transparenz:

Die Autorin dieses Berichtes hat als Privatperson im Oktober 2023 die Petition
„Seestraße Zeuthen-unsere Allee passè? Nee“ unterzeichnet.

 

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Veröffentlichung

Mi, 13. März 2024

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