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Was passiert hinter den Türen?

Am Tag gegen Gewalt an Frauen am 25. November werden in den Kommunen des Landkreises Fahnen gehisst. Ist es mit einem offiziellen Akt und einem Foto getan? Die Arbeit der Gleichstellungsbeauftragten zeigt: Nein.

 

Von Dörthe Ziemer

 

„Die Wahrheit ist noch viel schlimmer“: Diesen Satz bekommt Landrat Stephan Loge öfter zu hören, wenn er mit Fachleuten über häusliche Gewalt spricht. Um knapp 20 Prozent ist die Zahl der Straftaten im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt im vergangenen Jahr in Brandenburg gestiegen. „Aber was passiert wirklich hinter den Türen, was wir hier draußen gar nicht wahrhaben wollen?“, fragte der Landrat am internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen am 25. November. Gemeinsam mit der Königs Wusterhausener Bürgermeisterin Michaela Wiezorek, der Kreistags-Vizevorsitzenden Monika von der Lippe und der Gleichstellungsbeauftragten des Landkreises Elke Voigt hisst er vor dem Landratsgebäude in der Brückenstraße in Königs Wusterhausen die Flagge mit der Aufschrift „Frei leben – ohne Gewalt“. „Wir hoffen, dass heute alle Kommunen im Landkreis mitmachen“, sagt die Gleichstellungsbeauftragte.

 

Königs Wusterhausen: Bürgermeisterin Michaela Wiezorek, Landrat Stephan Loge, Gleichstellungsbeauftragte Elke Voigt, Kreistagsvize Monika von der Lippe (v.l.)

Königs Wusterhausen: Bürgermeisterin Michaela Wiezorek, Landrat Stephan Loge, Gleichstellungsbeauftragte Elke Voigt, Kreistagsvize Monika von der Lippe (v.l.). Foto: Dörthe Ziemer

Schönefeld: Bürgermeister Christian Henschel (vorn) hisst gemeinsam mit weiteren Mitarbeitern die Flagge, zusätzlich wird ein Banner gezeigt. Foto: Gemeinde Schönefeld

Schönefeld: Bürgermeister Christian Henschel (vorn) hisst gemeinsam mit weiteren Mitarbeitern die Flagge, zusätzlich wird ein Banner gezeigt. Foto: Gemeinde Schönefeld

 

Die Aktionen an diesem 25. November, die aus den Kommunalverwaltungen heraus gesteuert werden, sollen Aufmerksamkeit für ein Thema erzeugen, das viel zu häufig totgeschwiegen wird. „Immer noch fehlt vielen Betroffenen der Mut, sich Hilfe zu holen, und vielen Angehörigen der Mut, einzuschreiten“, sagte Michaela Wiezorek. Hingegen sei ein anderer Mut zu beobachten – nämlich öffentlich lautstark und gewalttätig aufzutreten, so die Bürgermeisterin mit Blick auf die zunehmende Zahl von Gewalttaten gewählter Kommunalpolitiker. „Es muss zu unserer inneren Überzeugung werden“, forderte der Landrat, „solchen ‚Mutigen‘ zu vermitteln, wie unwürdig das ist, was sie da machen“.

 

Mehr als zwei Drittel der Brandenburger Opfer häuslicher Gewalt sind weiblich und hierbei besonders die Altersgruppe der 29- bis 40-Jährigen, heißt es in einer Statistik, die der Verband der Selbsthilfegruppen Alleinerziehender (Shia) mit Sitz in Königs Wusterhausen zusammengetragen hat. „Kinder sind von Anfang an mitbetroffen, wenn Gewalt gegen ihre Mutter ausgeübt wird“, heißt es in dem Papier, was sich in der Statistik so widerspiegelt: 25 Frauen und 38 Kinder fanden im Jahr 2020 Zuflucht im Frauenhaus des Landkreises, das als einziges in Brandenburg in kommunaler Trägerschaft ist. Die Familien wurden dabei unterstützt, in ein gewaltfreies Leben zu gelangen. „Im Durchschnitt braucht es sieben Anläufe, bis sich Frauen von ihren Partnern trennen“, sagt Elke Voigt. Das seien „Zeiten, in denen sie zum Teil massiver physischer und psychischer Gewalt ausgesetzt sind“.

 

Lübben: Sozialarbeiterin Franziska Rumpel, Gleichstellungsbeauftragte Yvonne Balzer, Bürgermeister Lars Kolan, Vizelandrätin Susanne Rieckhof sowie Dorothea Kästner (v.l.). Foto: Stadt Lübben

Lübben: Sozialarbeiterin Franziska Rumpel, Gleichstellungsbeauftragte Yvonne Balzer, Bürgermeister Lars Kolan, Vizelandrätin Susanne Rieckhof sowie Dorothea Kästner (v.l.). Foto: Stadt Lübben

Zeuthen: Hauptamtsleiterin Fr. Skribelka, Bauamtsleiter Hr. Schünecke, Amtsleiterin RPA Fr. Nowatzki (links von vorn nach hinten), Bürgermeister Sven Herzberger, stellv. Bürgermeister Hr .Schulz, Amtsleiterin Finanzen Fr. Silberborth (rechts von vorn nach hinten). Foto: Gemeinde Zeuthen

Hauptamtsleiterin Fr. Skribelka, Bauamtsleiter Hr. Schünecke, Amtsleiterin RPA Fr. Nowatzki (li. vorn-hinten), Bürgermeister Sven Herzberger, stellv. Bürgermeister Hr .Schulz, Amtsleiterin Finanzen Fr. Silberborth (re.vorn-hinten). Foto: Gemeinde Zeuthen

 

Regelmäßig lädt die Gleichstellungsbeauftragte zu Runden Tischen und Stammtischen ein, um Berater, Polizei, Verbände und Ämter an einen Tisch zu bringen und nach Lösungen für diese Frauen und ihre Kinder zu suchen. „Hier erweist es sich als großer Vorteil, dass das Frauenhaus in kreislicher Trägerschaft ist – da haben wir schnellere Wege zum Sozialamt, zum Jobcenter oder zur Ausländerbehörde“, erklärt Elke Voigt. Die Betroffenen stammten aus allen gesellschaftlichen Schichten, auch Männer kämen in die Beratungen.

 

Auch für diesen 25. November war ein Runder Tisch geplant. Allerdings wurde der wegen der Entwicklung der Pandemie abgesagt – und genau dabei zeigt sich, warum solche Runden Tische so wichtig sind: „Hier werden Erfahrungen ausgetauscht und Ideen gesponnen“, sagt Elke Voigt. Nun müsse wieder alles per E-Mail abgefragt werden. Auch die weitere Vorhaben – der nächste Stammtisch, auf dem die Frauenwoche 2022 besprochen werden sollte, und eine Fahrt in den Partnerlandkreis Wolsztyn stehen in den Sternen.

 

Heideblick: Gleichstellungsbeauftragte Sarah Jakobza und Bürgermeister Frank Deutschmann. Foto: Gemeinde Heideblick

Heideblick: Gleichstellungsbeauftragte Sarah Jakobza und

Bürgermeister Frank Deutschmann. Foto: Gemeinde Heideblick

 

Nichtsdestotrotz wird jede Gelegenheit zum Austausch genutzt – so auch der Termin zum Hissen der Flagge. Ob man nicht auch die Frauen- bzw. Gleichstellungsbeauftragten der Kirchen und der Bundeswehr in die Beratungen einbeziehen könne, schlagen Teilnehmer vor. Landrat Stephan Loge kommt von den großen, häufig dramatischen Themen zu den ganz kleinen Gleichstellungssorgen im Alltag: zum Beispiel, wen man in einer Pandemie ins Homeoffice schickt – den, der ‚tageswichtiger‘ sei oder aus Gleichstellungsgründen eher ‚dran‘ ist. „Da bin ich sehr damit beschäftigt, mich selbst zu erkennen“, gibt der Chef von rund 1.000 Mitarbeitern, darunter 25 bis 33 Prozent private Paare, zu. „Hier fängt das gesellschaftliche Selbstverständnis an“, sagt er.

 

Beim Hissen der Fahne in Königs Wusterhausen. Foto: Dörthe Ziemer

Beim Hissen der Fahne in Königs Wusterhausen. Foto: Dörthe Ziemer

 

Dies hat in Dahme-Spreewald immerhin zu einigen erfreulichen Nachrichten geführt, wie die Gleichstellungsbeauftragte auflistet: das Frauenhaus in kreislicher Trägerschaft und mit tariflich entlohnten Angestellten, Beitritt zur Europäischen Charta für Gleichstellung von Frauen und Männern auf kommunaler und regionaler Ebene, Förderung für eine Stelle zur Präventionsberatung, Förderung zur Modernisierung des Frauenhauses. Bürgermeisterin Michaela Wiezorek teilte mit, dass sich die Stadt ebenfalls auf den Weg mache, der Charta beizutreten. „Ich bin stolz, dass das Thema so angekommen ist“, sagt Elke Voigt. „Wir müssen immer wieder deutlich machen, dass es in unseren Familien und in unserer Gesellschaft keinen Platz für Gewalt gibt."

 

Info

  • Am 25. November 1960 starben in der Dominikanischen Republik drei Schwestern einen durch Gewalt ausgelösten Tod. Wegen ihrer Aktivitäten gegen den damaligen Diktator Trujillo wurden sie vom Geheimdienst gefoltert, vergewaltigt und ermordet.
  • 1981 wurde dieser Tag zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen ausgerufen. Mit zahlreichen Aktionen wird weltweit auf die tägliche Gewalt gegen Frauen aufmerksam gemacht.
  • Im Landkreis Dahme-Spreewald wird die Fahne seit 2002 jährlich gehisst – unter Beteiligung von zahlreichen Kommunen.

Weitere Informationen

Veröffentlichung

Do, 25. November 2021

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