Das Sprechcafé Königs Wusterhausen sorgt seit zehn Jahren dafür, dass sich Menschen mit anderen Muttersprachen gut in der Region zurechtfinden. Viele von ihnen haben es geschafft – mit dem Lernen der deutschen Sprache und dem Ankommen.
Von Birgit Mittwoch
Eine Einladung zum gemeinsamen Wandern in Pätz, ein Repair-Workshop für Fahrräder in Bestensee, ein Projekttag zum Thema „Fremde Kulturen“ in einer Schule in Zernsdorf, Flüchtlinge kochen für Einwohner in Bestensee, das Sprechcafé in Königs Wusterhausen... ohne all diese vielen Ideen und Aktionen wären Fatina, Heba, Malack, Mariam und viele andere sicher nicht so gut angekommen in Deutschland. Heute studieren sie Bauingenieur oder Medizinpädagogik, stellen als Maler ihre Werke aus, arbeiten als Grundschullehrerin oder als Elektriker.
Als im Herbst 2015 plötzlich mehr als 1.000 Geflüchtete nach Königs Wusterhausen kamen, gab es schnell Hilfe, Unterstützung von „Willkommen in KW“, von Ehrenamtlichen wie Ute, Hella, Eugen, Otto, Ingrid, Werner, Gesine und vielen anderen. Einige der Helfer aus Königs Wusterhausen sind immer noch dabei, nach zehn Jahren. Auch wegen des Sprechcafés. Diese Idee hat damals und bringt immer noch Auswärtige und Einheimische jede Woche einmal zusammen. Die anfangs so fremde Sprache zu erlernen, hat vielen die Tür in ein neues, selbstbestimmtes, sicheres Leben geöffnet.
„Wir freuen uns, dass wir uns schon so lange kennen.“
Hella, Mitgründerin des Sprechcafés
„Wir freuen uns, dass wir uns schon so lange kennen“, sagt Hella zehn Jahre später zum Jubiläum des Sprechcafés in Königs Wusterhausen. Immer mehr Frauen und Männer aus Königs Wusterhausen, aus Afghanistan, aus Syrien, aus Eritrea, dem Tschad, der Ukraine… kommen an diesem Vormittag in den Bürgertreff am Fontaneplatz, schieben Fotos aus alten Zeiten auf einem großen Tisch hin und her, erkennen sich auf alten Bildern wieder, lachen, erinnern sich. Eine Frau aus Syrien stellt noch schnell Selbstgebackenes auf das bereits gut gefüllte Büfett. Drei Männer versuchen den Ton für eine Videobotschaft hörbar zu machen. Gut so, denn bald darauf kann Landrat Sven Herzberger alle Anwesenden per Film begrüßen: „Menschen, die neu zu uns gekommen sind, haben bei Ihnen offene Arme gefunden. Aus Fremdheit ist Vertrautheit geworden, die Flüchtlinge sind eine kulturelle Bereicherung für uns alle.“
Das sieht auch Hella so, der Optimismus vom Anfang scheint bei ihr ungebrochen. „Ich sehe hier heute viele vertraute Gesichter und auch viele neue. Und ich freue mich über die vielen Aktionen, die wir gemacht haben, und auf die neuen, das macht immer wieder Spaß“, erzählt sie. Das Sprechcafé macht heute seinem Namen alle Ehre: Alle plaudern entspannt miteinander, und so gut wie alle sprechen Deutsch, auch untereinander, egal ob sie aus Syrien, Eritrea oder Afghanistan kommen. Kinder wuseln fröhlich um die Erwachsenen herum – all diese Neubürger sind angekommen in der Region.

Heba und Fatina erzählen bei der Jubiläumsfeier ihre Geschichte, moderiert von Dörthe Ziemer
Foto: Birgit Mittwoch
Moderatorin Dörthe Ziemer fragt drei Frauen nach ihren persönlichen Geschichten. Anfangs sei es schwierig gewesen, berichtet Fatina. Im September 2015 sei sie mit ihrem Mann und zwei kleinen Kindern, zweieinhalb und sechs Jahre alt, aus Syrien nach Deutschland geflohen. Sie ist gelernte Industriekauffrau, jetzt studiert sie. Besonders wichtig war es ihr, dass ihr Sohn schnell zur Schule gehen konnte. Ehrenamtliche aus Königs Wusterhausen hätten ihr dabei geholfen, auch als es ihrem Sohn anfangs nicht leichtfiel, in der Schule mitzuhalten. Besonders die emotionale Unterstützung deutscher Familien habe ihr damals geholfen. Sie seien nicht nur Helfer gewesen, sondern hätten sie wie in eine Familie aufgenommen. Gerne erinnert sie sich an Besuche im Dahmeland-Museum, in Bibliotheken, an gemeinsames Kochen.
„Andere haben nicht so viel Glück gehabt wie ich.“
Mariam aus Afghanistan
Mariam war noch fast ein Kind, als sie vor zehn Jahren aus Afghanistan nach Deutschland kam. In Königs Wusterhausen habe sie auch dank der Hilfe von „Willkommen in KW“ eine Ausbildung zur Pflegekraft machen können. Jetzt studiert sie Medizinpädagogik, um später einmal selbst Pflegekräfte ausbilden zu können. „Zum Glück gab es damals diese gute ehrenamtliche Unterstützung“, sagt sie. Das betraf nicht nur die Möglichkeit, einen Deutschkurs an der Volkshochschule zu besuchen, auch gemeinsame Theaterbesuche waren ihr wichtig. „Andere haben nicht so viel Glück gehabt wie ich“, zeigt sie sich heute glücklich.
Für Heba aus Syrien war das erste Jahr nach ihrer Ankunft in Deutschland schwer. Sie habe im Übergangswohnheim gelebt, zum Glück gab es da Hilfe von deutschen Familien. Die hätten ihr gezeigt, „wie es hier weitergeht für uns“. Obwohl sie gut Englisch sprach und spricht, habe sie in einer persönlichen Begegnung erfahren müssen: „Das Englische kannst du hier vergessen.“ Also hat die gelernte Grundschullehrerin schnell Deutsch gelernt, danach als Lehrerin gearbeitet, später bei der Diakonie. Wenn ihre beiden, hier geborenen Kinder etwas größer sind, will sie wieder als Lehrerin arbeiten.
„Wir haben damals einfach angefangen, einfach gemacht, jetzt ist immer jetzt.“
Ute, Mitgründerin des Sprechcafés
Ute Schilde ist von Anfang an mit dabei, freut sich über die guten Geschichten der drei Frauen. „Wir haben damals einfach angefangen, einfach gemacht, jetzt ist immer jetzt“, sagt sie zufrieden. Zehn bis zwölf Ehrenamtliche gehören heute noch zum festen Stamm. Bei Aktionen sind es auch mehr, die mitmachen, eingeschlossen die Neubürger. „Heute zum Beispiel“, so erzählt sie, „haben sieben junge Männer unterschiedlicher Herkunft hier Stühle und Tische miteingeräumt, die Videowand aufgebaut“.
Ute, Mitgründerin des Sprechcafés.
Fotos: Birgit Mittwoch
Antje Jahn, frühere Migrationsbeauftragte des Landkreises Dahme-Spreewald.
Filmon aus Eritrea absolviert eine Lehre zum Ton- und Videoeditor.
Einer von ihnen ist Filmon aus Eritrea. Er fotografiert und filmt während der Jubiläumsfeier zum Zehnjährigen des Sprechcafés emsig, zeigt sichtlich stolz seine Fotos. Er ist erst seit zwei Jahren in Deutschland, wohnt in Königs Wusterhausen, spricht super Deutsch und macht in Berlin eine Ausbildung zum Ton- und Videoeditor.
Leider schafften es von zehn Flüchtlingen, die dafür die Möglichkeit hätten, nur vier, hier tatsächlich anzukommen, meint Ehrenamtlerin Ute Schilde. Das liege daran, dass deren berufliche Ausbildung hier oft nicht zähle. Wer z.B. im Südsudan ein eigenständiges Leben als LKW-Fahrer gehabt habe, fange hier mit Deutschkurs, Schule und Lehre noch mal ganz von vorn an. Viele arbeiten danach in Jobs mit Niedriglöhnen. Das sei vor allem für junge Männer schwer.

Fotos für die Erinnerung: Seit zehn Jahren wird im Sprechcafé Königs Wusterhausen Integration durch Sprache gelebt.
Foto: Birgit Mittwoch
„Zehn Jahre durchzuhalten, das ist schon toll“, lobt die langjährige Migrationsbeauftragte es Landkreises Dahme-Spreewald Antje Jahn das Sprechcafé. Auch sie ist zum Jubiläum geladen und gerne gekommen, obwohl sie inzwischen die Arbeitsstelle gewechselt hat. Ähnliches habe wohl nur die Initiative WIND, aus dem nördlichen Dahmeland geschafft. Antje Jahn erinnert sich an die vielen Flüchtlinge, die vor zehn im Landkreis ankamen: „Das sind alles Menschen, egal welchen Aufenthaltsstatus sie haben. Wichtig war und ist sie zu integrieren“, sagt sie. Zugleich hatten sich damals viele Menschen schnell als Helferinnen und Helfer gemeldet. Insgesamt sei über die Zeit ein Netzwerk von mehr als 150 ehrenamtlichen Unterstützerinnen und Unterstützern aktiv, die in sieben Vereinen und Initiativen aktiv sind, heißt es im Integrationsbericht von Antje Jahn, den sie zum Ende ihrer Tätigkeit beim Landkreis vorgestellt hat.
Am Ende sind vielleicht auch dies gute Beispiele fürs Ankommen: Nach ihrem Lieblingsgericht gefragt, antwortet die Syrerin Heba: Kartoffeln und Spargel. Anfangs sei es ihr zwar schwergefallen, den Spargel richtig auf die Gabel zu bekommen, aber heute liebt sie das Gericht. Mariam hingegen kann sich gar nicht damit anfreunden, erzählt sie. Dafür ist sie die pünktlichste unter ihren Freunden…
DATEN & FAKTEN zum Thema Migration
Beratung
Beratungsangebote und Vernetzungsmöglichkeiten finden Ankommende, Helfende und weitere Interessierte im Integrationsbericht, im Internet unter dahme-spreewald.de (dort: Themen – Asyl, Migration und Integration) sowie in der Integreat-App des Landkreises.
Regelmäßige Informationen zur Entwicklung der Geflüchtetenzahlen, zur Beschäftigung und mehr gibt es quartalsweise im Factsheet des Landkreises ebendort.
Integrationsziele des Landkreises
Laut Tätigkeitsbericht der Migrationsbeauftragten liegt ein Fokus bei der Weiterentwicklung des Integrationskonzeptes des Landkreises auf der Ausweitung der Integrationsangebote auf alle Zuwanderungsgruppen.
Am Ende eines erfolgreichen Integrationsprozesses kann die Verleihung der Staatsangehörigkeit stehen, heißt es in dem Bericht weiter, und: „Vorher gilt es, die im Integrationskonzept des Landkreises benannten Handlungsfelder zu durchlaufen: Sprache, Bildung, Ausbildung und Arbeit, Werte.“
Eingebürgerte Staatsbürgerinnen und Staatsbürger sind oftmals deutlich besser integriert. Sie könnten dabei diejenigen anspornen, die den Integrationsweg erst beginnen – so das Fazit des Integrationsberichtes.
Wichtiger als die rechtliche Anerkennung sei die gesellschaftliche Integration, wird in dem Bericht eingeschätzt. Dazu gehören die wirtschaftliche, kulturelle und soziale Integration.
Eine Neubesetzung der Stelle der Migrationsbeauftragten ist nach Vorstellungen des Landrates nicht vorgesehen.
Bevölkerung
Der Anteil der ausländischen Bevölkerung im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung im Landkreis Dahme-Spreewald lag laut Integrationsbericht 2016-2024
im Jahr 2014 bei 2,8 Prozent
im Jahr 2024 bei 8,2 Prozent.
Die Zahl der im Landkreis lebenden Menschen aus dem Ausland hat sich in dieser Zeit von 4.486 Personen
auf 14.933 Personen
erhöht und damit mehr als verdreifacht.
Ende 2024 waren unter allen im Landkreis lebenden Menschen:
0,7 Prozent Geflüchtete und Asylsuchende
5,3 Prozent aus dem europäischen Ausland (davon etwa die Hälfte aus der EU)
2,2 Prozent aus anderen Ländern.
Nach Herkunftsländern kommt die größte Zuwanderergruppe aus
Polen (knapp 1.400 Menschen),
der Ukraine (1.200 Menschen),
Rumänien, Russland, Türkei sowie
Syrien (knapp 600 Menschen)
und Afghanistan (gut 500 Menschen).
Quelle: Tätigkeitsbericht der Beauftragten für Migration und Integration für die Jahre 2016-2024 (kurz: Integrationsbericht)
Arbeitsmarkt
Von 2.351 Arbeitslosen im vierten Quartal 2025 waren 688 Ausländer (29 Prozent). Davon wiederum stammen:
33 Prozent aus der Ukraine,
11 Prozent aus Syrien,
10 Prozent aus Afghanistan,
8 Prozent aus der Türkei,
7 Prozent aus Ländern des Westbalkans,
1 Prozent aus Eritrea,
10 Prozent aus der EU sowie
19 Prozent aus anderen Ländern.
Quelle: Factsheet Integration des Landkreises Dahme-Spreewald
Polizeistatistik
Im Jahr 2023 wurden im Bereich der Polizeidirektion Süd insgesamt 11.911 nichtdeutsche Tatverdächtige (2022: 9.869) ermittelt. Das entspricht einem Anteil von 52% (2022: 48,6%). Darunter sind 8.308 Fälle im Zusammenhang mit Verstößen gegen das Ausländergesetz und das Asylverfahrensgesetz, die nur von dieser Personengruppe begangen werden können.
Angestiegen sind die Fälle politisch rechtsmotivierter Straftaten auf 735 (2022: 468). Als politisch linksmotivierte Straftaten wurden 59 (2022: 101) erfasst. 25 Straftaten waren durch eine religiöse oder ausländische Ideologie motiviert (2022: 28). Die Aufklärungsquote lag im Jahr 2023 bei 54% (2022: 47%).
Die Zahl der politisch motivierten Gewaltdelikte (PMK) sank von 147 im Jahr 2022 auf 42 im Jahr 2023. Davon sind 28 (2022: 24) dem Phänomenbereich PMK-rechts und 4 Delikte (2022: 18) der PMK-links zuzuordnen. Zwei Gewaltdelikte waren religiös motiviert (2022: 0), acht Gewaltdelikte (2022: 105) konnten keiner Kategorie zugeordnet werden. Die Aufklärungsquote liegt bei 76% (2022: 75%).
Quelle: Kriminalitätslage 2023 in der Polizeidirektion Süd, für 2024 lag keine Statistik vor