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Der Stimme Wirkung verleihen

Der jüngste Kandidat im Rennen um die Kreistagsmandate ist der Lübbener Stefan Tarnow. Gerade 18 Jahre jung, hat er bereits in der Grundschule erste politische Erfahrungen gemacht, heute ist er Landesschülersprecher. Was motiviert ihn?

 

Interview: Dörthe Ziemer

 

Genau 425 Personen möchten in den Kreistag einziehen, davon sind genau 14 in diesem Jahrtausend geboren, spricht: alle anderen sind älter als 24 Jahre. Der jüngste Kandidat ist Stefan Tarnow aus Lübben – er ist Anfang April 18 Jahre alt geworden. Wir sprachen mit dem Gymnasiasten über seine Motivation, seine ersten politischen Erfolgserlebnisse und das erst kürzlich erschienene Positionspapier der ostdeutschen Landesschülersprecher zum Thema Rechtsextremismus an Schulen, an dem er als Brandenburger Vertreter mitgeschrieben hat.

 

Warum möchten Sie sich politisch engagieren?

Demokratie ist mir wichtig, und ich möchte die Stimme von Bürgerinnen und Bürgern im Kreistag und in der Lübbener Stadtverordnung vertreten.

 

Wie sind Sie in so jungen Jahren zur Politik gekommen?

Das war noch in meiner Grundschulzeit. Damals war der Paragraf 18a eingeführt worden (in der Kommunalverfassung, er regelt die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen in der Kommune, d.Red.). Die Leiterin meiner Grundschule hatte mich darauf hingewiesen, dass es da so ein Beteiligungsformat gibt. Da bin ich hingegangen und habe weitergemacht. Dann kam ich ganz schön rum. Später wurde ich in den Kreisschülerrat und Kreisschulbeirat gewählt, 2020 dann in den Landesschülerrat, da war ich 7. Klasse. Seit 2023 bin ich Landesschülersprecher.

 

Warum ist das für Sie so spannend? Viele Menschen, insbesondere junge, finden Politik ja eher langweilig…

Spannend ist es, wenn man seiner Stimme Wirkung zu verleihen kann: Ich möchte Sachen verändern und, dass meine Stimme gehört wird.

 

Wann haben Sie zum ersten Mal gemerkt, dass das funktioniert – also wann hatte Ihre Stimme zum ersten Mal Wirkung?

Das war noch in der Grundschul-Zeit: Der Schulhof wurde neugestaltet, und wir wollten unbedingt einen Sandkasten haben. Der war aber in den Planungen nicht vorgesehen. Dann hat sich der Schülerrat dafür eingesetzt und wir haben doch einen Sandkasten bekommen. Zuletzt habe ich diese Wirkung bei dem Positionspapier zum Thema Rechtsextremismus an Schulen erlebt: Das Thema ist in aller Munde. Wir werden wahrgenommen als Schülersprecher.

 

 Stefan Tarnow auf dem Lübbener Marktplatz. Foto: Dörthe Ziemer 

 

Dazu kommen wir später noch. Zunächst einmal die Frage, warum Sie sich für die Unabhängige Bürgerliste (UBL) als Ihre politische Heimat entschieden haben. Sie waren ja auch mal Mitglied der Grünen…

Ich finde es auf Kreisebene wichtig, unabhängig von parteipolitischen Strukturen zu sein. Als Landesschülersprecher bin ich auch zu Neutralität verpflichtet, deshalb wollte ich mich nicht für eine bestimmte Partei aufstellen lassen. Die UBL und Pro Lübben (städtische Liste unter dem Dach der UBL) nehme ich grundsätzlich als progressiv und offen für Jugendthemen wahr.

 

Moment – als “grundsätzlich progressiv”? Es gibt auch sehr viele sehr konservative Initiativen unter dem Dach der UBL… Ist das nicht vielmehr wie so ein Haifischbecken, in dem sich viele tummeln?

(lacht) Ja, aber das macht ja die Demokratie aus: der Diskurs. Man muss ihn so führen, dass alle Seiten befriedigt werden. Die UBL kann das gut vereinen. Manche bleiben da bei ihrer konservativen Richtung und denken eben nicht so sehr für das große Ganze.

 

Die Kommunalwahl ist ja eine Personen- und keine Listenwahl. Man kann seine drei Kreuze also bei einer bestimmten Person machen. Da rechne ich mir schon Chancen aus.

 

Welche Chancen rechnen Sie sich für die Wahl zum Kreistag aus? Und welche Themen wollen Sie angehen, wenn Sie gewählt sind?

Die Kommunalwahl ist ja eine Personen- und keine Listenwahl. Man kann seine drei Kreuze also bei einer bestimmten Person machen. Da rechne ich mir schon Chancen aus. Ich sehe mich als Vertreter der jüngeren Bevölkerung. Das Thema Jugendbeteiligung möchte ich angehen. Wichtig ist dabei, dass die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen nicht nur formal festgeschrieben wird, sondern Formate gefunden werden, die Jugendliche auch ansprechen. Außerdem ist mir Bildung ein wichtiges Thema. Wir müssen endlich das mit den Schulstandorten klären und können nicht länger mit der Entscheidung warten. 

 

Diese Frage wird ja derzeit im Kreistag heiß diskutiert. Wie tangiert Euch Schüler dieses Thema hier im Süden des Landkreises? Es geht ja vor allem um den Norden…

Auch bei uns gibt es Verschiebungen bei den Schülerzahlen. Zurzeit gibt es ja Baumaßnahmen am Bohnstedt-Gymnasium in Luckau, da wird das Lübbener Gymnasium voller. Bald wird das andersrum sein. Aber auch die Baumaßnahmen in den Schulen im Norden und die Platzknappheit bekommen wir zu spüren: Immer mehr Schüler aus der Mitte des Landkreises, die früher nach Norden gependelt sind, kommen zu uns. Durch den Kreisschülerrat bekomme ich sehr viel von der Debatte im Norden mit. Klar ist: Es ist eigentlich keine Frage mehr, wo neue Plätze entstehen, weil wir alle drei diskutierten Standorte brauchen. Die Frage ist: Wann fangen wir endlich damit an?

 

Mir scheint, die Baseballschläger-Jahre kommen Stück für Stück wieder. Und dagegen unternimmt niemand was.

 

Nun zu dem Positionspapier der Landesschülersprecher der ostdeutschen Bundesländer, an dem Sie mitgearbeitet haben: Was gab den Ausschlag dafür?

Das Thema erschien uns schon länger wichtig. Aber wir konnten dazu in der Bundesvertretung keine Mehrheit finden. So haben wir uns als ostdeutsche Schülersprecher zusammengeschlossen, weil das Thema bei uns präsent ist: Es gibt rechte Hetze, es gibt Vandalismus. Mir scheint, die Baseballschläger-Jahre kommen Stück für Stück wieder. Und dagegen unternimmt niemand was. Deswegen haben wir das Papier geschrieben, auch vor dem Hintergrund der Landtagswahlen im Herbst.

 

Was hat das Papier ausgelöst? Sie waren zumindest hier und da in den Medien zu hören…

Das waren ganz neue Erfahrungen. Das Papier ging durch die Presse, das war ein großer medialer Erfolg. Was wir damit erreicht haben: Wir wurden von den Parteien eingeladen, die sich unsere Klagen angehört haben. Traurig ist, dass sich das Bildungsministerium dessen nicht angenommen hat, sondern darauf verweist, welche Maßnahmen bereits greifen. Das ist aber nicht ausreichend. An mich persönlich gab es überwiegend positives Feedback. Aus der rechten Ecke war es teilweise auch zerstörend, aber da stehe ich drüber.

 

Drüberstehen: Wie macht man das bei so einem Thema?

Wir Schülersprecher bekommen Angebote von Stiftungen zu Workshops, manche nehmen das wahr. Bei mir hält sich das negative Feedback in Grenzen, meistens ist es so etwas Unkonstruktives wie den Mittelfinger zu zeigen! Mir ist klar: Das kann auch schlimmer werden.

 

Wie sollen die Lehrer etwa mit einem Hakenkreuz umgehen? Nicht jeder, der eins zeichnet, ist ein Nazi. Gerade deshalb muss man darüber sprechen, auch in den Grundschulen.

 

Was sind die Forderungen der Landesschülersprecher in dem Positionspapier?
Wir fordern, den Unterricht in Politische Bildung und Geschichte in der Oberstufe auszubauen. Außerdem braucht es eine stärkere Sensibilisierung der Lehrkräfte: Wie sollen die etwa mit einem Hakenkreuz umgehen? Nicht jeder, der eins zeichnet, ist ein Nazi. Gerade deshalb muss man darüber sprechen, auch in den Grundschulen. Immer im Hinterkopf müssen wir haben, welche geschichtliche Last Deutschland dabei trägt. Es müssen regelmäßig Gedenkstättenbesuche stattfinden. Über eine Pflicht dazu muss man diskutieren, da gibt es Für und Wider.

Außerdem brauchen wir eine Sensibilisierung für Inhalte in Social Media: Dort herrschen teilweise Desinformation und durch KI generierte Inhalte, das heißt: Nicht alles, was man liest, stimmt auch. Das ist aktuell kein Inhalt im Unterricht. Viele Lehrer versuchen zwar, das im Rahmen ihrer Möglichkeiten in den Unterricht zu integrieren, aber es gehört nicht wirklich zum Lehrstoff.

Das führt zu einer der wichtigsten Forderungen: den Lehrermangel bekämpfen. Ohne Lehrkräfte kann man nicht sensibel genug auf die Herausforderungen reagieren. Darüber hinaus gibt es Lehrkräfte, die selbst rechtsextremem Gedankengut anhängen, da braucht es die volle Wirkung des Rechtsstaates. Das Ministerium muss den Lehrkräften vermitteln: Ihr müsst nicht neutral sein. Das besagt ja auch der Beutelsbacher Konsens (Standard für den politisch-historischem Unterricht, z.B. keine Beeinflussung / Überwältigung der Schülermeinung) nicht, dass man sich nicht gegen menschenverachtendes Handeln stellen dürfe. Aber hier fehlt es an Handreichungen für Lehrkräfte.

 

Wie gehen Sie persönlich mit diesen Themen um? Begeben Sie sich gern in die Debatten oder vermeiden Sie sie?

Ich würde mir das immer zutrauen, andere sind da zurückhaltender. Man möchte sich schließlich nicht unbeliebt machen. Denn wer rechtsextremes Gedankengut verbreitet, das sind oft die Coolen, mit denen man sich nicht anlegen möchte.

 

Nun hat es gerade in Lübben in der Vergangenheit einige fremdenfeindliche Vorkommnisse gegeben. Zu Jahresbeginn gab es Mahnfeuer im Zuge der Bauernproteste, von denen sich der Bauernverband distanziert hat. Wie sehr hat sich Lübben in den vergangenen Monaten verändert?

Es ist definitiv angespannter, eine angeheizte Stimmung. Das lässt auch nicht nach. Da gibt es, gefühlt, zwei Fronten: Institutionen wie die Bürgerinitiative „Unser Lübben – Wir wollen keine Containerdörfer” und die, die dagegen stehen. Letztere sind definitiv die Mehrheit würde ich sagen, aber sie sind leider nicht so aktiv. In Lübben gab es eine Demo „Für Demokratie und Vielfalt“, aber da hätten mehr Menschen sein können. In Angermünde etwa ist die Zivilgesellschaft couragierter. Da gehört aber auch viel dazu. In Südbrandenburg begibt man sich ja in Gefahr, wenn man sich offen gegen Rechtsextremismus stellt.

 

Es ist enorm wichtig, dass man den Bürgern seine Haltung zeigt. Das animiert die Menschen zu überlegen, wo sie mitlaufen. 

 

Wie wichtig ist hierbei die Positionierung der Stadtspitze zu diesem Thema? Mit dem Beitritt zur Initiative “Brandenburg zeigt Haltung” gehen die Kommunen im Landkreis ja sehr unterschiedlich um. Die Stadtverordnetenversammlung von Lübben hat sich gegen den Beitritt entschieden, der Bürgermeister von Schulzendorf dafür.

Es ist enorm wichtig, dass man den Bürgern seine Haltung zeigt. Das animiert die Menschen zu überlegen, wo sie mitlaufen. Es ist wichtig, Rückgrat zu zeigen und Rückhalt zu geben, sowie ein offenes Ohr zu haben, wenn es zu rechtsextremer Gewalt kommt.

 

Zurück zu Ihrer Kandidatur:Wie machen Sie selbst Wahlkampf, einmal abgesehen von den Sachen, die die UBL kreisweit durchführt?

Es läuft vieles über Mundpropaganda. Deshalb muss man Präsenz zeigen und ins Gespräch gehen. Ich gehe oft zu öffentlichen Veranstaltungen und zeige Gesicht, versuche, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen.

 

Wie werben Sie bei Ihrer Zielgruppe? Wissen Ihre Mitschüler von der Kandidatur?

Sie wissen es. Aber in der Schule spreche ich nicht darüber. Ich würde gern Formate für Jugendliche entwickeln, aber nicht allein. Hier hoffe ich auf Jugendsozialarbeiter, die vielleicht wieder so ein Speeddating zu Kommunalwahl veranstalten könnten.

 

Bei der Kommunalwahl geht es um die Themen vor Ort. Wenn man dann noch jemanden kennt von einer Liste, dann wählt man eben den. 

 

Was denken Sie, wie der nächste Kreistag aussieht – welchen Anteil werden die Parteien und die freien Wählergruppen haben?

Ich denke, die Freien werden sich steigern: Viele Wählerinnen und Wähler binden sich nicht gern an eine Partei. Viel zu oft wird Kreispolitik auf die Bundesebene bezogen. Das haben wir beim Landratswahlkampf von Steffen Kotré (AfD, er unterlag in der Stichwahl deutlich vor Sven Herzberger, d. Red.)  gesehen. Er hat viele Bundesthemen gespielt. Aber bei der Kommunalwahl geht es um die Themen vor Ort. Wenn man dann noch jemanden kennt von einer Liste, dann wählt man eben den. 

 

Wenn Sie sich so den aktuellen Kreistag anschauen: Was wollen Sie anders machen?

Ich würde versuchen, intensiver gegen den rechtsextremen Strom anzugehen und klare Kante zu zeigen. Die CDU ist da nicht so klar. Außerdem würde ich die Arbeit im Kreistag nicht mit unnötigen Anfragen behindern, die wiederum die Verwaltung in ihrer Arbeit blockieren.

 

Zum Schluss die Frage: Wie geht es weiter, wenn Sie am Abend des 9. Juni gewählt sind?

Das ist dann eine große Verantwortung, die ich trage. Ich würde versuchen, Mensch zu bleiben und nicht abzuheben. Ich werde mir weiter die Sorgen der Menschen anhören, die meiner Zielgruppe, aber auch die der Älteren. Man muss sie alle zusammenführen, auch wenn das nicht leicht ist. Ich würde viel mehr versuchen, Politik zu erklären: Warum haben wir eine Entscheidung so oder so gefällt? Das ist z.B. bei der geplanten Unterkunft für Geflüchtete in Lübben nicht so passiert, wie man es sich gewünscht hätte. Daraus entsteht Unzufriedenheit.

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Veröffentlichung

Di, 07. Mai 2024

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