Tonsee Klein Köris | zur StartseiteKaskadenwehr Märkisch Buchholz | zur StartseiteSchwartzkopffsiedlung Wildau | zur StartseiteDie Dahme bei Zeuthen | zur StartseiteTropical Islands | zur StartseiteHöllberghof Langengrassau. Foto: Karsten Floegel | zur StartseiteMarktplatz Lübben | zur Startseite
Link zur Seite versenden   Druckansicht öffnen
 

Waldbrand- & Wildniskompetenz für Lieberose

Umweltminister Axel Vogel will ein Kompetenzzentrum für Waldbrandschutz und Wildnisentwicklung nach Lieberose bringen. Wie sich beides vereinbaren lassen könnte, darüber diskutierten mehr als 100 Bürger mit ihm. Der Brandschutz stand aus Bürger-Sicht im Mittelpunkt.

 

Von Ingrid Hoberg

 

Lieberose. „Ich überreiche Ihnen hier ein Stück Wildnis“, sagt Oberförster Axel Becker an Umweltminister Axel Vogel (Bündnis 90/Die Grünen) gewandt. Es ist eine Mischung typisch Lieberoser Heide – trockener Sand, Kiefernzapfen, Munitionsreste und der Sticker „Naturwelt Lieberoser Heide – das wilde Herz der Lausitz“. Das ist das Spannungsfeld, in dem sich die Region befindet, wenn weitere Wildnisflächen ausgewiesen werden, wie von der Landesregierung geplant. Das war auch das Spannungsfeld einer Info-Veranstaltung, zu der Vertreter der Landtagsfraktionen von Bündnis 90/Die Grünen, SPD, CDU und Die Linke am Mittwoch gemeinsam eingeladen hatten.

 

Die Lieberoser Heide ist von Kiefernwäldern und Sandheiden geprägt. Es ist ein einzigartiger, schützenswerter Naturraum, der weiterentwickelt werden soll. Auf zwei Prozent der Landesfläche werden Wildnisgebiete entstehen, erläutert der Minister, verweist auf internationale und nationale Verpflichtungen, auf Koalitionsvereinbarungen im Land Brandenburg. Die Lieberoser Heide ist aber auch eine Kulturlandschaft, die immer wieder von Waldbränden heimgesucht wird. Das hat der Sommer 2022 auf dramatische Weise gezeigt, als Wohnsiedlungen vor der Evakuierung standen, weil das Feuer rasend schnell näher kam.

 

Oberförster Axel Becker überreicht dem Minister "Lieberoser Heide im Glas". Foto: Ingrid Hoberg

Oberförster Axel Becker überreicht Minister Axel Vogel "Lieberoser Heide im Glas".

Axel Becker zeigt Isabell Hiekel das Gastgeschenk aus der Lieberoser Heide. Foto: Ingrid Hoberg

Axel Becker zeigt Isabell Hiekel das Gastgeschenk aus der Lieberoser Heide. Fotos: Ingrid Hoberg

 

Karin Arnold-Pape aus Lieberose schildert die bedrohliche Situation, die sie im vergangenen Jahr auf ihrem Grundstück in der Hollbrunner Allee erlebt hat: „100 Hektar Wald liegen hinter uns – gleich hinter dem Zaun. Der Brand hat direkt unsere Häuser gefährdet!“, macht sie die Bedrohung von Hab und Gut, von Menschenleben deutlich, wenn Brände nicht in Schach gehalten werden. Gleiches gelte auch für die Lieberoser Thälmannstraße in Richtung Lübben. „Der momentane Zustand der Waldbrandvorsorge ist prekär“, so ihr Fazit in der Info-Veranstaltung. Sie habe selbst im Forstbetrieb gearbeitet und erinnere sich noch gut, wie schnell und konsequent in den 1980er Jahren bei Waldbrand gehandelt wurde. „Die erste halbe Stunde bei der Brandbekämpfung ist entscheidend“, betont sie.

 

Wie wichtig der Bau von Brunnen und von Schneisen ist, damit die Freiwilligen Feuerwehren an den Brandort herankommen, macht Kreisbrandmeister Christian Liebe deutlich. „Wir verursachen weiteren Schaden in der Natur, wenn wir Seen zur Brandbekämpfung leerpumpen“, sagt er. Der Umweltminister sichert zu, dass in den Wegebau umfangreich investiert werden soll. Für die Wasserversorgung müsse eine schnelle Lösung gefunden werden. Waldwege sollen ohne bürokratischen Aufwand unabhängig von der Eigentumsform ausgebaut werden. Auf einen anderen Punkt macht Steven Dahlitz, Ortswehrführer der Freiwilligen Feuerwehr Lieberose, aufmerksam: „Dem abwehrenden Brandschutz wird zu wenig Beachtung geschenkt!“ Und Petra Dreißig, Bürgermeisterin von Lieberose betont, dass die Kommunen die Träger des Brandschutzes sind und somit die finanzielle und personelle Last tragen.

 

EXKURS

Vegetationsbrände: Bekämpfung und Vorbeugung neu denken

  • Die Saison 2022 war mit 521 Waldbränden und einer geschädigten Waldfläche von 1.425,50 Hektar ein Ausnahmejahr, heißt es im aktuellen Waldbrandbericht der Landesregierung.
  • Acht Brände waren größer als 10 Hektar (entspricht Großschadensereignis), davon vier größer als 100 Hektar.
  • 30 von insgesamt 38 Waldbränden seit 2010, die mindestens als Großschadensereignis geführt wurden, entfallen auf die Jahre 2018 bis 2022. Bei diesen reichen die Ressourcen der örtlichen Träger des Brand- und Katastrophenschutzes nicht mehr aus.
  • Am 18. Juni 2022 wurde der erste Katastrophenfall aufgrund eines Waldbrandes im Land Brandenburg seit der Wiedervereinigung festgestellt (Waldbrand bei Treuenbrietzen, Ortsteil Frohnsdorf).
  • Bei fünf Bränden, darunter in der Lieberoser Heide, waren munitionsbelastete Flächen betroffen. Knapp 300.000 Hektar Land zählen in Brandenburg als Kampfmittelverdachtsfläche.
  • Bei vier dieser Bränden (darunter nicht die Lieberoser Heide) waren Ortschaften bedroht, und es musste evakuiert werden.

 

Vor diesem Hintergrund müsse beim Thema Vegetationsbrände vieles neu gedacht werden, fordert Norman Barth von der Landesschule und Technischen Einrichtung für Brand- und Katastrophenschutz des Landes Brandenburg. Das reicht von strategischen Fragen zwischen Angriff und Verteidigung gegen das Feuer über detailliertere Wetterprognosen inklusive lokaler Winde und den Vergleich von Wind- und Ausbreitungsgeschwindigkeiten des Feuers bis hin zu Koordinationsfragen, wenn sich mehrere auswärtige Einsatzgruppen mit je eigenem Gerät abwechseln.

Feuerwehrleute sprechen inzwischen von den dirty thirty – den schmuztigen 30, bei denen sie „den Alarm schon kommen sehen“: Hochdrucklagen mit Dürreperioden und vielen heißen Tage (über 30 Grad), geringe Luftfeuchtigkeit (unter 30%) und hohen Windgeschwindigkeiten (über 30 km/h). Plötzlich aufkommende Winde seien echte Brandbeschleuniger.

 

Besondere Herausforderungen im Landkreis Dahme-Spreewald ergeben sich aus der Wildnisfläche in der Lieberoser Heide. Wo Totholz liegen bleiben darf, Moore besonders gut Glutnester halten und Zuwegungen kaum vorhanden sind, stellt sich die Frage nach dem Brandschutz noch einmal ganz anders. Grundsätzlich gelte, so Norman Barth, dass Monokulturen sind eher anfällig für Brände seien. Sie würden durch Trockenheit, Stürme und Insekten beeinträchtigt, was zu einer Zunahme von Totholz und somit zündfähigen Brennmaterials führe.

Ein weiteres Problem seien Siedlungs- und Verkehrsflächen in unmittelbarer Nähe zu Wald und landwirtschaftlichen Flächen – man dürfe nicht nur an Wald- sondern müsse auch an Getreidebrände denken. Hier seien breite vegetationsfreie Streifen notwendig. Latente künstliche Brandbrücken zum Siedlungsbereich stellen beispielsweise Koniferenhecken oder Holzhütten auf Wohngrundstücken dar.

Schwierig sei die Brandbekämpfung in der Region vor allem auf ehemaligen Truppenübungs- bzw. Kriegsschauplätzen wie dem Kessel von Halbe. Nicht zu vergessen seien geotechnische Sperrflächen in der Braunkohlefolgelandschaft. Das sind Flächen ehemaliger Tagebaue, die auch Einsatzkräfte wegen der Rutschungsgefahr nicht betreten dürfen.

 

Waldbrandbekämpfung neu zu denken, bedeute daher aus Sicht von Norman Barth auch, die taktischen Ziele zu überdenken: „weg vom Angriff hin zur Verteidigung“. Man müsse schauen, wo man welche Kräfte konzentriert. „Dazu gehört, das Feuer auch mal Feuer sein zu lassen, dafür Siedlungsflächen zu schützen.“ Zudem müssten sich Feuerwehrleute und Katastrophenschützer intensiver mit Wetterprognosen auseinandersetzen. Um lokale Winde zu erfassen, seien bessere Daten notwendig. Vier der fünf großen Waldbrände (s.o.) hätten extreme Ausbreitungsgeschwindigkeiten gehabt.

Die Gefahrenabwehr muss stärker interdisziplinär werden, so eine weitere Schlussfolgerung aus dem vergangenen Jahr. „Wir hatten sehr dynamische Einsatzlagen mit Ressourcen aus der Bundeswehr und der Polizei. Da braucht es ein verändertes Rollenverständnis der Führungskräfte“, sagt Norman Barth. Es bedürfe nicht nur einer Führung, sondern verschiedenen Abschnittsführungen, ein Denken in Prozessketten und geordnete Schichtübergaben, damit kein aktuelles Wissen verlorengehe. „Hier lässt sich auch die Effizienz steigern: Es kann nicht sein, dass eine Einheit all ihr Gerät einpacken muss, wenn die nächste mit ihrem eigenen kommt.“

 

Schließlich müsse auch das Vorsorge- und Sicherheitsbewusstsein in der Bevölkerung wachsen: So sollten Hausbesitzer trockene Nadelstreu aus der Dachrinne entfernen und kein Holz am Haus lagern. Campingplätze mit lediglich einer Zufahrt seien schwer zu evakuieren. Auch die schon länger diskutierte Frage nach Haupt- und Ehrenamt stelle sich: „Wann können ehrenamtliche Kräfte durch hauptamtliche ausgetauscht werden?“, fragt Norman Barth.

 

Vor dem Hintergrund der zahlreichen und teilweise katastrophenähnlichen Waldbrände in den immer trockener werdenden Sommern war das Thema Vegetationsbrände der Schwerpunkt beim diesjährigen Treffen des Netzwerks Bevölkerungsschutz. Knapp 200 Feuerwehrleute, Helfer, Verwaltungsmitarbeiter, Bundeswehrangehörige, Notfallseelsorger und weitere Akteure des Bevölkerungsschutzes aus neun Bundesländern tauschten Ende April an der Technischen Hochschule Wildau ihre Erfahrungen rund um den Bevölkerungsschutz bei Vegetationsbränden aus.

Dörthe Ziemer

 

 

Mit der Forstreform und der bis Ende des Jahres geplanten Eingliederung der Oberförsterei Lieberose nach Lübben – „das Zuordnungsverfahren läuft“, so Vogel – befürchten nicht wenige, dass es zu einer Abwanderung von fachlich qualifiziertem Personal kommt. Dem werde durch die Einrichtung eines Kompetenzzentrums entgegengewirkt, versichert der Minister. „Dafür werden qualifizierte Leute gesucht“, sagt er. Wie wichtig dieses Kompetenzzentrum in der Region bewertet wird, macht Rainer Hilgenfeld, Bürgermeister der Gemeinde Schwielochsee, Vorsitzender des Amtsausschusses Lieberose/Oberspreewald und Kreistagsabgeordneter, nachdrücklich deutlich. Er überreicht dem Minister einen Antrag, den die Fraktionen der SPD und der CDU/FDP/Bauern gemeinsam am 10. Mai in den Kreistag einbringen werden. Es geht eben um die Schaffung eines Kompetenzzentrums für Wildnisentwicklung/Waldumbau und Waldbrandschutz in Lieberose – im Zuge der Entwicklung der „Naturwelt Lieberoser Heide“ und der Ausweisung weiterer Wildnisflächen im Landeswald. Der Landrat soll beauftragt werden, für die Schaffung und Finanzierung dieses Kompetenzzentrums durch das Land Brandenburg einzusetzen. „Wir sind die Kompetenz vor Ort“, betont Hilgenfeld.

 

 

Rainer Hilgenfeld aus Goyatz: "Wir sind die Kompetenz vor Ort." Foto: Ingrid Hoberg

Rainer Hilgenfeld aus Goyatz: "Wir sind die Kompetenz vor Ort." Foto: Ingrid Hoberg

 

Vorbeugender Brandschutz müsse gewährleistet bleiben, stellt der Umweltminister fest. Deshalb ist sein Angebot an die Region: die Einrichtung eines Kompetenzzentrums Waldbrandschutz und Wildnisentwicklung mit fachkundigem Personal. Das Zentrum soll Ansprechpartner für die Naturwelt Lieberoser Heide GmbH sein, aber auch für die Stiftung Naturlandschaften Brandenburg, für Kommunen und Bürger. Das Kompetenzzentrum soll die Kampfmittelberäumung wie auch vorbeugende Maßnahmen zum Schutz vor Waldbränden koordinieren und planen. Für das bereits zu Jahresbeginn beim Brandenburger Waldbrandgipfel diskutierte Kompetenzzentrum Waldbrandschutz wird allerdings als Standort Wünsdorf favorisiert, wie aus dem aktuellen Waldbrandbericht der Landesregierung hervorgeht.

 

Landtagsabgeordnete Isabell Hiekel (Bündnis 90/Die Grünen) zeigt sich am Ende zufrieden mit der großen Resonanz, die die Informationsveranstaltung gefunden hat. Allerdings: „Die Wildnisentwicklung ist diesmal zu kurz gekommen“, sagt sie. Die Menschen bewegt vor allem der vorbeugende und aktive Brandschutz.

 

Weitere Infos

  • Im Landeswald im Raum Lieberose sollen die vorgeschlagenen Wildnisflächen von aktuell 3150 Hektar auf 6229 Hektar erweitert werden. In den Flächen liegen Waldseen und Moore, die für den Naturschutz als besonders hochwertig gelten. Dazu gehören: Feuchtgebiete des Waldmoores „Meyerei“ (834 Hektar), Waldbereich nach der Offenfläche der ehemaligen Schießbahn (1.200 Hektar), „Großes Luch“ (272 Hektar), Ziestesee, Druschesee (55 Hektar).
  • Zu den vorbeugenden Maßnahmen des Waldbrandschutzes gehören die Entmunitionierung und der Ausbau von Waldwegen für Einsätze bei Waldbränden. Weitere Tiefbrunnen zur Löschwasserversorgung sollen angelegt werden. Durch den Waldumbau am Rand des Wildnisgebiets mit mehr Laubholz kann die Waldbrandgefahr gesenkt werden. Waldbrandriegel können die Brandausbreitung verringern.
  • Zum Wildtiermanagement soll die Jagd weiterhin möglich sein.

Weitere Informationen

Veröffentlichung

So, 07. Mai 2023

Bild zur Meldung

Weitere Meldungen

„Tendenz geht zu den Unabhängigen“

Es gibt noch Aufgaben

aktueller WOCHENKREISEL

  • Fremdenfeindliche Aktionen in Lübben: Welche Hintergründe gibt es? 

  • Auf Augenhöhe: Landrat Stephan Loge mit großer Anerkennung verabschiedet

  • Spektrale 2024 in Wildau zu Gast, Aquamediale 2025 zurück in Lübben

Veranstaltungen

Brandenburgisches Sommerkonzert 2015 (13)

#dahmespreewald

Socialmedia