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Natur und Verletzlichkeit

26. Rohkunstbau im Schloss Lieberose und Videoprojekt in der Darre starten am 19. Juni

 

Rohkunstbau 26 - "Ich bin Natur" - widmet sich den durch die Pandemie ausgelösten Ungewissheiten. Zugleich tritt die Kunstausstellung, die im Landkreis Dahme-Spreewald entstanden und hierin zurückgekehrt ist, in einen Dialog mit der sie umgebenden Region.


Von Ingrid Hoberg


Das mächtige Holztor am Schloss Lieberose öffnet sich am 19. Juni zum ersten Mal für die Besucher der neuen Rohkunstbau-Ausstellung. Den Sommer über können an den Wochenenden Kunstinteressierte 19 Objekte von 22 Künstlern in den Räumen des zwar sanierungsbedürftigen, dennoch imposanten Barockschlosses erleben. Thema in diesem Jahr: „Ich bin Natur – Von der Verletzlichkeit. Überleben in der Risikogesellschaft.“

 

Blick auf eine Arbeit von Luzia Simons aus dem ersten Obergeschoss. Foto: Ingrid Hoberg

 

 

Gleich im Schlosshof begegnen Besucher der Fotoinstallation der brasilianischen Künstlerin Luzia Simons: „Stockage 124_03“ (2011) – an der Wand, die stehengeblieben war, als der Turm im Sommer 1975 plötzlich einstürzte. Damals befand sich das Internat der Zentralen Berufsschule zur Ausbildung von Finanzkaufleuten im Schloss des Adelsgeschlechts derer von Schulenburg. Im Hof muss der Betrachter den Kopf in den Nacken legen oder von weiter entfernt schauen. Beim Rundgang durch die Ausstellung eröffnen sich immer wieder andere Ausblicke auf diese Arbeit – darauf weist Arvid Boellert, Vorsitzender des Vereins der Freunde des Rohkunstbau, bei einem Rundgang hin.


Luiza Simons „bespielt“ einen weiteren bemerkenswerten Ort im Schloss – den Saal des römischen Weingottes Bacchus mit der imposanten Original-Stuckdecke im Erdgeschoss. Sind es an der Außenwand Motive aus der Flora und Fauna einer undurchdringlichen Dschungelwelt, die ein unheimliches Gefühl erzeugt, hat sie bei „Correspondances“ in Zusammenarbeit mit Mario Brandao 72 Keramik-Blüten in einer Installation in Beziehung gesetzt zu einer fotografischen Arbeit.

 

Fukushima und Corona - Parallelen nicht zufällig


Doch ehe der Besucher dort ankommt, wird er gleich beim Betreten der Vorhalle mit einem Regal konfrontiert, in dem 600 Wasserflaschen abgelegt sind. Eine schematische Zeichnung zeigt, wie man sich durch aufgestapelte Flaschen in Japan vor nuklearer Strahlung schützen wollte. Nina Fischer und Maroan el Sani setzen sich mit der unsichtbaren Gefahr der Radioaktivität auseinander. Sie gehen unter anderem der Frage nach: Wie leben die Menschen mit der Gefahr? Und ganz alltäglich: Was kann man noch essen? Die beiden Künstler waren im Jahr nach der nuklearen Katastrophe von Fukushima in Japan und haben in Gesprächen dem Alltag der Menschen nachgespürt. Das zeigen sie in ihrem Video - Parallelen zur Corona sind nicht zufällig. „Die Wasserflaschen sind eine Leihgabe von Getränke Gröschke“, sagt Kuratorin Heike Fuhlbrügge. „Die Flaschen werden zurückgegeben – wir wollen ja kein Plastikflaschen-Berg erzeugen!“

 

Claudia Chaseling (l.) arbeitet mit verzerrten Landschaften, vergifteten Orten, mutierten Kreaturen und Pflanzen. Foto: Ingrid Hoberg

 

 

Die in München lebende australisch-amerikanische Künstlerin Claudia Chaseling beschäftigt sich in ihren Arbeiten kritisch mit dem Umgang mit atomarem Material. Mutierte Pflanzen, Landschaften und architektonische Versatzstücke wie die Freiheitsstatue sind immer wieder in ihren Arbeiten zu entdecken. Für Rohkunstbau konzipierte sie die große Wandarbeit „blind spots“ im Obergeschoss. Sie markiert vor ihren Installationen genau den Standpunkt, von dem aus das Puzzle zu erkennen ist.

 

Angst kann den Menschen zerstören wie Viren


Aus dem Jahr 1985/1997 ist die Skulptur „Angst“ von Michael Morgner, präsentiert im ehemaligen Kinosaal. Aus dem Negativ der Bodenplatte steigt die Figur der Angst auf – ein allgemeingültiges Gefühl, auch wenn die Arbeit damals in einem anderen Kontext entstand. Angst, die in Zeiten der Pandemie noch stärker in den Fokus des menschlichen Zusammenlebens geraten ist, kann den Menschen zerstören wie unsichtbare Viren.
Noa Gur (Israel) verarbeitet in ihrer jüngsten Videoarbeit „Silent Killer“, die für Rohkunstbau entstanden ist, einen Vorfall vom 17. Februar, als ein Waljunges gemeinsam mit anderen toten Tieren, kontaminiert mit Teer, an die Küste Israels gespült wurde. Die Quelle der Verschmutzung wurde zu einem poltischen Streit zwischen Israel und den Nachbarländern.

 

"Angst" nennt Michael Morgner seine Skulptur, die im ehemaligen Kinosaal zu sehen ist. Im Hintergrund: "Chain Brain" von Gilbert & George, eine Leihgabe aus Wien. Foto: Ingrid Hoberg

 

Mit dem schier endlosen Material, das in unserer „Wegwerfgesellschaft“ produziert wird, setzt sich der junge chinesische Künstler Tong Kunniao auseinander. „Er baut Skulpturen aus Materialien, die zurückgelassen wurden, die er meistens auf Trödelmärkten oder in Müllcontainern findet“, erklärt Kuratorin Heike Fuhlbrügge. „Er transformiert das Material in etwas Neues.“ In dem Raum, in dem einst junge Mädchen ihr Internatsbett hatten, präsentiert er „Mop Boxer“ und „Red Tail Double Eggs Bird“. Im Dianazimmer am Taubenturm ist der schwarze Marmorblock mit LED-Leuchte von Kapwani Kiwanga (CAN/TZA) ein Blickfang.

 

„Wish Tree“  von Yoko Ono


Zum Anfang des Rundgangs beeindruckt „Bowling Ball Beach“ von Jochen Dehn (D). Einen alten Baum, eine Ulme, hat er zergliedert, neu zusammengesetzt und dem Raum im Erdgeschoss angepasst. Zum Abschluss des Rundgangs öffnet sich der Blick in die ehemalige Bibliothek des Schlosses.

 

"Wish Tree": Seit 1996 lädt Yoko Ono Menschen aus der ganzen Welt ein, ihre persönlichen Wünsche aufzuschreiben und an einen Baum zu binden - wie hier in der ehemaligen Bibliothek. Die Schlossgärtnerei kümmert sich um die Pflege der Bäume. Foto: Ingrid Hoberg

 

Dort stehen drei Weißdornbäume in frischem Blattgrün in Töpfen, um deren Wohl sich ein ehrenamtlicher „Wasserträger“ kümmert, wie Heike Fuhlbrügge verrät. So ist gesichert, dass das Projekt „Wish Tree“  von Yoko Ono, das seit 1991 läuft, in Lieberose nicht vertrocknet. Der Raum bietet die nötige Ruhe und Entspannung, um einen Wunsch aufzuschreiben und an einen der Bäume zu hängen. Die Wünsche werden nach New York (USA) gehen, später werden sie beim Imagine Peace Tower in Reykiavik (Island) im Boden vergraben. Yoko Ono erinnert mit diesem Projekt an John Lennon (1940 – 1980)

 

In diesem Jahr kooperiert Rohkunstbau erstmalig mit dem Brandenburgischen Landesmuseum für Moderne Kunst Cottbus. Das BLMK stellt aus seiner umfangreichen Plakatsammlung, die auf dem Bestand aus DDR-Zeiten aufgebaut wurde, Arbeiten zum diesjährigen Rohkunstbau-Themenschwerpunkt „Ich bin Natur“ zur Verfügung. Seit den 1990er Jahren widmet sich das Cottbuser Museum Themen wie Natur und Umwelt.

 

Im Obergeschoss werden Plakate aus der Sammlung des BLMK Cottbus gezeigt. Foto: Ingrid Hoberg

 

 

„Es ist unverzichtbar auf Arbeiten aus der Region zurückzugreifen, wenn ein Ort wie Lakoma unmittelbar vor der Haustür liegt“, sagt die Kuratorin. Das Dorf Lakoma vor den Toren der Stadt Cottbus musste dem Kohleabbau weichen, 143 Menschen wurden umgesiedelt. Vor der Devastierung war Lakoma auch ein Treffpunkt der alternativen Kunstszene, unter anderem von Holzbildhauern. Die Leihgaben aus dem BLMK sind im Gang im ersten Obergeschoss zu sehen, unter anderem das Plakat „Lakoma“ von Andreas Klose. Es stammt aus dem Jahr 1996 und wurde zu dem gleichnamigen Theaterstück von Oliver Bukowski gedruckt. Das Stück wurde am Staatstheater Cottbus aufgeführt.

 

Rohkunstbau und die Lieberoser


Parallel zum 26. Rohkunstbau eröffnet der Förderverein Lieberose am Samstag, 19. Juni, um 15 Uhr in der Darre, in der  Galerie in der Schütte, die erste Ausstellung nach der Pandemie-bedingten Pause. Der Dresdner Künstler Manuel Frolik zeigt sein Videoprojekt „Tribe of Yola“, eine poetische Auseinandersetzung mit idealisierten Konzepten von Kindheit und Spiel, von Einsamkeit und Freundschaft – und von der Kraft des Wanderns.

 

Auf Wanderschaft: Zwei Freunde sind unterwegs in "Tribe of Yola". Foto: Archiv Manuel Frolik

 

„‘Tribe of Yola‘ ist eine künstlerische Arbeit, die das diesjährige Rohkunstbau-Thema ‚Ich bin Natur. Von der Verletzlichkeit. Überleben in der Risikogesellschaft‘ auf eine ganz eigene Weise eindrucksvoll widerspiegelt“, sagt Dieter Klaue, Vorsitzender des Fördervereins Lieberose. Der Förderverein sichert auch in diesem Jahr wieder mit Unterstützung weiterer Ehrenamtlicher die Aufsicht bei Rohkunstbau ab.

 

INFO

  • Die Ausstellung Rohkunstbau 26 ist vom 19. Juni bis 3. Oktober samstags und sonntags im Schloss Lieberose zu sehen.
  • Der Eintritt kostet 12 Euro, ermäßigt 7 Euro. Kostenlosen Einlass gibt es für Kinder unter 12 Jahren und für Lieberoserinnen und Lieberoser. Ein Ticket ist trotzdem zu buchen.
  • Es wurde ein Hygienekonzept für die Ausstellung erstellt, das ebenso wie die notwendige Ticketbuchung vorab unter www.rohkunstbau.net zu finden ist.
  • Es gibt ein Testzentrum vor Ort im FiZ in der Mühlenstraße 20, das Samstag und Sonntag jeweils von 11 bis 16 Uhr geöffnet ist.
  • Darre, Galerie in der Schütte: Besucher können sonntags von 14 bis 16 Uhr "Tribe of Yola" von Manuel Frolik sehen.

 

 

 

Weitere Informationen

Veröffentlichung

Fr, 18. Juni 2021

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