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Migrationssorgen & Integrationserfolge

Knapp 11.000 Geflüchtete sind in diesem Jahr über Belarus und Polen nach Deutschland gekommen. Auch in Dahme-Spreewald werden wieder mehr Menschen in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht. Über die Situation sprachen wir mit Antje Jahn.

 

Von Dörthe Ziemer

 

Sechs Jahre liegen zwischen Angela Merkels Satz „Wir schaffen das“ und dem erneuten Anstieg von Geflüchtetenzahlen. Seit Sommer suchen tausende Menschen einen Weg über Belarus in die Europäische Union. Vor diesem Hintergrund werden auch im Landkreis Dahme-Spreewald wieder mehr Geflüchtete zur Unterbringung in Gemeinschaftsunterkünften erwartet. Wie die gegenwärtige Situation im Landkreis Dahme-Spreewald ist, vor welchen Herausforderungen er steht und was in den vergangenen sechs Jahren tatsächlich geschafft wurde, darüber sprachen wir mit der Migrationsbeauftragten des Landkreises Dahme-Spreewald Antje Jahn.

 

Beginnen wir bei den Zahlen: Wie viele Menschen mit Migrationshintergrund leben derzeit im Landkreis, wie viele Geflüchtete erwarten Sie in der nächsten Zeit?

Wir bekommen jeweils zu Jahresbeginn vom Land unser Aufnahmesoll genannt: Das waren 140 Menschen zu Jahresbeginn, inzwischen wurde die Zahl auf 331 korrigiert. Zugewiesen wurden bisher 214 Personen. Für das nächste Jahr wurden uns 550 Ankommende angezeigt. Das ist eine erhebliche Steigerung, aber nicht mit den Zahlen von 2015/16 zu vergleichen. Aktuell beherbergt der Landkreis insgesamt 1.305 Personen in Gemeinschaftsunterkünften (1.078) und Wohnungen (227). Im Landkreis Dahme-Spreewald leben derzeit 9.784 Ausländer, davon sind 3.906 EU-Bürger.

 

Was bedeutet die steigende Zahl an Asylsuchenden für den Landkreis? Wo kommen diese Menschen unter?

Die Menschen müssen derzeit Corona-konform untergebracht werden: Es müssen Abstände möglich sein und Quarantäne-Zimmer vorgehalten werden. Wir möchten auch Rücksicht auf Nationalitäten nehmen sowie auf eventuelle Erkrankungen der Bewohner. Bisher konnten wir die Menschen gut unterbringen. Das geht jetzt nicht mehr. Wir müssen sie so zusammenlegen, dass wir alle berücksichtigen können. Das ist bis Ende des Jahres gesichert. Wir müssen natürlich auch prüfen, welche Einrichtungen aus der Vergangenheit wieder in Betrieb genommen werden können.

 

"Damals gab es viele Ängste, und daran hat sich nicht viel geändert, obwohl die Aufnahme gut geklappt hat. Die Menschen, die hier sind, sind gut integriert und gehen ihren Weg."

 

Welche Signale erhalten Sie dazu aus den Kommunen?

Von dort kommt eher Besorgnis – da scheinen wir immer noch nicht weiter zu sein als vor fünf Jahren. Damals gab es viele Ängste, und daran hat sich nicht viel geändert, obwohl die Aufnahme gut geklappt hat. Die Menschen, die hier sind, sind gut integriert und gehen ihren Weg. Es ist viel gelungen. Ein Problem ist, dass in unseren Gemeinschaftsunterkünften 170 Personen leben und zugleich Anspruch auf eine eigene Wohnung hätten, weil sie einen Aufenthaltstitel haben. Aber sie finden keine Wohnung, weil es insgesamt zu wenig sozialverträglichen Wohnraum im Landkreis gibt. Das betrifft ja alle Einwohner im Landkreis: Auszubildende, Studierende, sozial Schwächere. Hinzu kommt: Bei den Geflüchteten gibt es häufig große Familienverbünde, z.B. mit sechs Kindern – da findet man kaum Wohnungen. Das sind Herausforderungen, vor denen wir stehen, und die wir gemeinsam mit dem Kommunen und den Wohnungsunternehmen lösen müssen.

 

Sie sprachen gerade von den Ängsten in den Gemeinden. 2015 gab es ja bei vielen Einheimischen Befürchtungen und Gerüchte gegenüber den Ankommenden. Wie würden Sie die Stimmung heute einschätzen?

Das vermag ich nicht zu sagen, ob Ängste von damals wieder aufwallen oder ob die Menschen ohnehin von Ängsten geprägt sind, weil die derzeitige Situation herausfordernd genug ist. Was man sagen kann: Die Befürchtungen sind nicht eingetreten. Was habe ich alles für Sorgen gehört, was passieren würde, wenn Geflüchtete bei uns wohnen: dass sie die Wäsche von der Wäscheleine holen würden und so etwas. Nein, es hat sich auch für die Menschen vor Ort etwas verbessert. Beispielsweise wurden Busverbindungen aufgestockt, weil plötzlich mehr Menschen zu befördern waren. Dann fiel irgendwann der Bus wieder weg, wenn eine Einrichtung schloss, und die Einwohner haben sich bei mir beschwert. Es liegt wohl in der Natur des Menschen, dass man Neuem und Fremdem mit Abstand gegenübersteht. Aber wir stellen fest: Es geht doch. Das beste Beispiel sind Arbeitgeber, die heute bei uns anrufen und fragen, ob wir nicht Azubis vermitteln könnten.

 

Antje Jahn bei der Arbeit. Foto: LDS

Antje Jahn bei der Arbeit.        Foto: LDS

 

Eine wichtige Brücke bei der Integration sind die Helferkreise vor Ort. Diese haben damals von Null auf 100 vieles gewuppt. Wie geht es denen – haben sie einen langen Atem bewiesen?

Wir haben immer noch zehn Initiativen oder Vereine, die da sehr aktiv sind. Sie sind über den ganzen Landkreis verstreut: in Wernsdorf, in Wildau, in Königs Wusterhausen mit allen Ortsteilen und Mittenwalde, in Bestensee/Körbiskrug, im Schenkenländchen, in Lübben und in Luckau. Außerdem gibt es das Projekt „LDS integriert“, das sich um Schule, Ausbildung und Arbeit kümmert. Dort sind sehr viele Menschen aktiv, was man gut an dieser Zahl ablesen kann: Im April hatten wir allen Helfern und Paten eine Impfung angeboten, da haben sich 68 Menschen gemeldet. Sie haben sich auch nicht von Corona entmutigen lassen. Die Kleiderkammern haben durchweg gearbeitet und werden wieder stark nachgefragt. Die Hausaufgabenhilfe war während des Homeschoolings wichtig, da sind die Paten in die Wohnungen gegangen. Wenn man bedenkt, dass viele von den Ehrenamtlern in einem Alter sind, wo sie selbst zu den gefährdeten Gruppen gehören, ist das beachtlich. Wir können sehr stolz und glücklich sein, dass wir diese Menschen haben.

 

Alltag für die Geflüchteten bedeutet auch, viele Behördengänge zu gehen. Wie haben sich das Aufeinander-Zugehen und die Arbeit der Behörden untereinander entwickelt?

Grundsätzlich haben die Menschen, die neu zu uns kommen, natürlich eine Sprachbarriere. Sie sind deshalb mit Unterstützern und Paten unterwegs, um sich zu verständigen. Bei Schul- und Kita-Themen unterstützen wir mit professionellen Dolmetschern. Was gut angenommen wird, ist beispielsweise die Online-Terminvergabe, die ja Corona-bedingt ausgebaut wurde. Da ist die Barriere doch geringer, als wenn man zum Telefon greifen muss. In den einzelnen Ämtern unserer Verwaltung haben wir inzwischen auch Personal mit entsprechenden Sprachkenntnissen – etwa im Gesundheitsamt oder der Ausländerbehörde. Es wurden auch unsere Allgemeinverfügungen während der Pandemie immer übersetzt.

 

Wie läuft es außerhalb der Kreisverwaltung, beispielsweise in den Kommunen?

Wichtig ist die Kommunikation mit- und untereinander. Da haben sich inzwischen gute Netzwerke gebildet, die eine einfache und schnelle Kommunikation möglich machen. Deshalb wollen wir die in der Pandemie abgesagten Netzwerktreffen so schnell wie möglich wiederbeleben. Probleme gibt es immer wieder, wenn Migranten mehrere Beratungsangebote in Anspruch nehmen, die voneinander nichts wissen – das geht zum Teil bis nach Berlin rein. Das ist manchmal hinderlich, weil aneinander vorbei gearbeitet wird. Wir sind bemüht Integrationswege aufzuzeichnen – Schritt für Schritt. Manche Geflüchtete haben da wenig Geduld, wollen schnell eigenes Geld verdienen. Wenn Integrationswege jedoch abgebrochen werden, fallen die Menschen manchmal auf die Nase.

 

"Unsere Ehrenamtler, die Sozialarbeiter und Netzwerke kennen ihre Klienten ganz gut und wissen: Wer schafft es allein, wer braucht Begleitung?"

 

Braucht es eine Art Integrationsplan für jeden, der für alle Ämter und Helfer einsehbar ist?

Nein, das wäre für die Menge an Menschen nicht schaffbar. Es gibt ja auch viele Menschen, die sehr selbstständig diesen Weg gehen. Sie brauchen nur ab und zu einen Ansprechpartner, etwa wie im Sprechcafé in Königs Wusterhausen. Andere brauchen wiederum dieses An-die-Hand-genommen-werden – beispielsweise junge Menschen, die von ihren Familien getrennt leben. Unsere Ehrenamtler, die Sozialarbeiter und Netzwerke kennen ihre Klienten ganz gut und wissen: Wer schafft es allein, wer braucht Begleitung? Man muss auch bedenken: Wir Deutschen haben ein bestimmtes Bild vom Lebensweg: Schule, Ausbildung, Familie. Andere Menschen haben ein anderes Bild. Da muss man ein Stück Abstand nehmen können von seinen eigenen Vorstellungen.

 

Damit sind wir beim Thema Beruf und Ausbildung: Wie gelingt es, die Geflüchteten in den Arbeitsmarkt zu integrieren? Was bedeutet das für unseren Fachkräftemangel?

Problematisch ist es, wenn Migranten ihre Ausbildung bereits lange hinter sich haben und diese hier nicht anerkannt wird oder Nachweise nicht vorhanden sind. Da ist es schwer, diese Menschen zu motivieren, sich nochmal auf die Schulbank zu setzen. Wir hatten mal einen Tischler, der hat seine Ausbildung beim Onkel gemacht. Er hat tolle Sachen, ja ganze Küchen gebaut. Aber er hat nie eine Berufsschule besucht und hatte folglich auch keine Nachweise. Inzwischen gibt es auch Arbeitgeber, die Leute ohne Zeugnisse einstellen, wenn diese gut arbeiten und motiviert sind. Das Thema Berufsabschlüsse war ja schon bei der Aussiedler-Welle in den 1990er Jahren schwierig, seitdem ist eigentlich nichts passiert. Jeder Zahnarzt, der zu uns kommt, muss seine Abschlüsse übersetzen und anerkennen lassen. Das dauert lange. Dann sagen die uns: Ihr braucht doch aber Ärzte!

 

Die Befürchtung „Ausländer nehmen Arbeitsplätze weg“ hat sich also auch nicht bestätigt…

Nein, wir haben im Landkreis nahezu Vollbeschäftigung. Die Jobcenter trennen in ihren Statistiken ihre Klienten gar nicht mehr nach Migrationshintergrund. Daher gibt es keine Zahlen dazu. Wir verzeichnen die größten Erfolge im Ausbildungsbereich. Jetzt werden die ersten Jahrgänge fertig, die mit einem deutschen Schulzeugnis in eine Ausbildung gegangen sind – das waren 2018 insgesamt 47 Ausbildungsverträge. Da liegt die Quote bei uns im Landkreis bei 62 Prozent: Knapp zwei Drittel aller Azubis mit Migrationshintergrund schließen also erfolgreich ihre Ausbildung ab und werden in der Regel vom Arbeitgeber übernommen. Sie sind dann eine ausgebildete Fachkraft – das ist viel wert. Diese Zahlen werden steigen, weil immer mehr junge Menschen die Schule hier abschließen.

 

"Knapp zwei Drittel aller Azubis mit Migrationshintergrund schließen erfolgreich ihre Ausbildung ab und werden in der Regel vom Arbeitgeber übernommen. Sie sind dann eine ausgebildete Fachkraft – das ist viel wert."

 

In welchen Branchen wird ausgebildet?

Bei den Ausbildungsberufen wird das ganze Spektrum gewählt: Mangelberufe wie im Lager oder in der Logistik, medizinische Fachkräfte, Krankenschwestern, zahnmedizinische Fachangestellte, Bäcker, Fliesenleger, Erzieher, Bürokaufleute, Beschäftigte in der Möbelbranche und beim Umzugsservice, aber auch Ingenieure und Beschäftigte in der Elektronik- und Elektrikbranche. Zunehmend wird fehlendes Aufenthaltsrecht zum Problem: Viele Menschen aus Eritrea beispielsweise durften wegen der Ausbildung hierbleiben, haben aber keinen Aufenthaltstitel, sondern sind nur geduldet. Sie dürfen ihre Familien nicht herholen und bekommen keine Visa, um sie zu besuchen. Diese Menschen verlassen das Land zunehmend in Richtung England, wo sie mit Kusshand als Fachkräfte genommen werden und Aufenthaltstitel und Arbeitsmöglichkeiten bekommen. Bei uns rufen die Ausbilder an und sagen: Das kann doch nicht sein, dass wir ausbilden und die Mitarbeiter dann ziehen lassen müssen. Das ist in Deutschland ein politisches Problem.

 

„Wir schaffen das“, sagte Angela Merkel 2015. Haben wir es geschafft im Landkreis?

Viele Befürchtungen haben sich nicht bestätigt. Ich würde nicht behaupten, dass alles rosarot ist, denn es gibt auch hin und wieder Probleme – z.B. mit der Kriminalität am Bahnhof in Königs Wusterhausen. Hier kommen auch Migranten aus Berlin hin – und betreiben dort die typische Bahnhofskriminalität. Ich denke, wenn wir auf 2015 zurückblicken, können wir eine positive Bilanz ziehen und müssen uns keine Sorgen machen, wenn wieder mehr Menschen zu uns kommen. Mir macht eher Sorge, unter welchen Umständen sie zu uns kommen: die Situation an Grenzen in Belarus, das Agieren des Präsidenten Lukaschenko. Hier ist die Politik am Zuge, damit die Menschen dort nicht leiden müssen und damit keine Kinder sterben. Nach wie vor gilt es, die Fluchtursachen vor Ort zu bekämpfen. Am Ende muss man sehen, dass Flucht und Asyl nur ein Teil beim Thema Zuwanderung sind. Den größten Zuwachs an Migranten haben wir über die Freizügigkeit innerhalb der EU oder durch Zuwanderung aus Drittstaaten als Fachkräftezuwanderung.

 

Hintergrund:

Im Jahr 2021 registrierte die Bundespolizei bisher 10.880 „unerlaubte Einreisen mit einem Bezug zu Belarus“ (Stand: 9. Dezember), derzeit mit deutlich fallender Tendenz, heißt es in einer Mitteilung. Die deutsch-polnische Grenze ist dabei weiterhin der Brennpunkt. Im Oktober wurden 5.285 Einreisen festgestellt, im November 2021 waren es 2.849.

 

Im Landkreis Dahme-Spreewald leben derzeit knapp 9.800 Menschen anderer Nationalität:

Anteil ausländischer Mitbürger im Landkreis Dahme-Spreewald. Grafik: LDS

Weitere Informationen

Veröffentlichung

Fr, 10. Dezember 2021

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