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Vier Dörfer, vier Leuchten

Dorfentwicklung durch Engagement der Dorfbewohner: Das hat der Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ bei den vier jüngsten Teilnehmerdörfern aus Dahme-Spreewald bewirkt und der Dorfgemeinschaft, aber auch anderen Gemeinden aufgezeigt: Wo stehen wir? Wohin wollen wir?

 

Von Dörthe Ziemer

 

Alle drei Jahre zeichnet das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) Dorfgemeinschaften mit bis zu 3.000 Einwohnern aus, die sich für ein attraktives und vielseitiges Leben in ihrer Heimat einsetzen. Damit sollen bürgerschaftliches Engagement geehrt und positive Entwicklungen in ländlichen Regionen sichtbar gemacht werden. Der Wettbewerb beginnt auf der Kreisebene, auf der diesmal Byhleguhre-Byhlen (Amt Lieberose/Oberspreewald), Töpchin (Stadt Mittenwalde), Gießmannsdorf (Stadt Luckau) und Briesen (Amt Schenkenländchen) dabei waren. Der Sieger darf am Landeswettbewerb teilnehmen, und von dort aus wird zum Bundeswettbewerb weiterdelegiert.

 

Besuch in den Teilnehmerdörfern.
Video: Dörthe Ziemer

 

Den Weg zum Landeswettbewerb hat nun Byhleguhre-Byhlen als aktueller Sieger vor sich. Bereits 2017 hat das Dorf am Wettbewerb teilgenommen. Dies bewirkte, dass sich ein Dorfverein gründete und die weitere Entwicklung des Spreewaldortes fortan stark mitbestimmte. Auch Töpchin war wiederholt dabei. Mit den Preisgeldern früherer Teilnahmen wurden Dialogrunden mitfinanziert, Planungen und Beteiligungen angeschoben.

 

Gießmannsdorf und Briesen waren zum ersten Mal dabei, und auch dort bestätigt sich, was das BMEL als Ziel des Wettbewerbes ausgerufen hat: „Durch die Teilnahme am Dorfwettbewerb werden in den Dörfern viele Entwicklungen angestoßen, die für die Bewohner – unabhängig von der Platzierung – ein großer Gewinn sind. Die Teilnahme schweißt die Bürger vor Ort zusammen und macht für alle Bewohner sichtbar, wie viel im Dorf bereits passiert ist und worin die Besonderheiten des Dorfes liegen.“ Um das zu überprüfen, hat Wokreisel alle vier Dörfer besucht…

 

Gießmannsdorf: Viel Zuzug, viel Bewährtes

Uwe Vogt, Ortsvorsteher von Gießmannsdorf. Foto: Dörthe ZiemerDie Kita „Waldwichtel“ in Gießmannsdorf ist so etwas wie das Zentrum des Dorfes bei Luckau. Sie steht zwischen altem und neuem Dorf, neben der Feuerwehr und ist so etwas wie der Dreh- und Angelpunkt der jüngsten Dorfentwicklung – und auch der persönlichen Geschichte von Uwe Vogt (Foto) als Ortsvorsteher: Als 2014 die Kita geschlossen werden sollte, wurde er politisch aktiv und protestierte gegen die Schließung. 30 Plätze hatte die Kita damals, rund 20 Kinder wurden betreut, davon einige aus Nachbardörfern. „Es gab Zeiten, da hat man kaum einen Kinderwagen im Dorf gesehen“, erzählt Uwe Vogt. Das sei so um die 2000er Jahre gewesen. Statt Schließung kamen 2014 Umbaumaßnahmen, Uwe Vogt wurde in den Ortsbeirat gewählt.

 

Von der Kita und überhaupt vom regen Dorfleben zwischen Sportverein, Heimatverein, Feuerwehr, Posaunenchor und Kirchengemeinde müssten mehr Menschen wissen, fand Uwe Vogt damals. „In 50 Sekunden fährt man durch das Dorf, aber was sich links und rechts der Straße befindet, kannte kaum jemand“, sagt er. 2015 baute er deshalb eine Internetseite auf, auf der sich beispielsweise auch die Kita wiederfindet. Überhaupt die Kommunikation: Nach der Homepage folgte ein E-Mail-Newsletter für die Dorfbewohner. 64 Abonnenten habe er inzwischen, sagt Uwe Vogt – bei rund 100 Haushalten eine gute Quote. Aber auch den klassischen Zettel im Briefkasten gibt es noch.

 

Wie stark sich das Dorf seitdem entwickelt hat, kann man live auf dem Eßfeld beobachten: Das ist ein Neubaugebiet am Ortsrand in Richtung Luckau, das von etwa 1999 bis heute in zwei Abschnitten mit Einfamilienhäusern bebaut wurde. Wer damals durch Gießmannsdorf gefahren ist, kann sich noch gut an das gelbe Holzhaus erinnern, das lange vom Feld zur Straße herüberleuchtete, ohne dass es schnell Nachbarn gefunden hätte. Vom Holz blättert inzwischen ein wenig die Farbe ab, die Hecke ist hochgewachsen – und das Haus ist von der Straße aus nicht mehr zu sehen. „Am Anfang hat es lange gedauert, bis der erste Abschnitt bebaut war“, erinnert sich Uwe Vogt. Beim zweiten Feld ging es wesentlich schneller: Dort wurden 2019 die ersten Grundstücke verkauft, nun sind alle freien Parzellen weg. „Die Leute sind happy, wenn sie hier ein Grundstück haben: Nach Luckau ist es nicht weit, und zur Autobahn und zur Bahn auch nicht“, sagt er.

 

Neues Wohngebiet am Eßfeld. Foto: Dörthe ZiemerDie Häuslebauer sind Gießmannsdorfer oder stammen aus dem Ort und wollen zurückkehren oder haben die Region für sich entdeckt – eine bunte Mischung. Viele Anfragen zum Dorf seien über die Homepage gekommen, berichtet der Ortsvorsteher. Befürchtungen, dass sich zwei Teildörfer entwickeln könnten, habe es gegeben, sagt er – bei ihm jedoch nicht. Er selbst ist Rückkehrer – und waschechter Gießmannsdorfer. Dadurch, dass die Kinder im Dorf zur Kita, in den Sportverein oder zur Feuerwehr gehen, und durch die vielen Feste wachse der Zusammenhalt zwischen den Einwohnern. Das freilich hat durch die Pandemie einen Dämpfer bekommen. „Das Dorf wächst bei Festen und Feiern zusammen“, stellt der Ortsvorsteher fest – und vieles davon sei nun mal seit zwei Jahren ausgefallen. Wenigstens das Herbstfeuer hat stattgefunden. An Traditionen wie dem lebendigen Adventskalender, bei dem sich an jedem Wochentag im Advent ein anderes Hoftor öffnet, soll festgehalten werden. „Man könnte auch im Eßfeld einen Weihnachtsmarkt machen – die Deko haben wir dort gratis“, sagt er mit einem Schmunzeln und einem Verweis auf die vielen weihnachtlichen Lichter in dem Ortsteil.

 

Auch ganz praktische Lösungen sollen zu einem Zusammenwachsen beitragen: Vor kurzem wurde ein Spielplatz mit Blick aufs Feld eingeweiht – für mehrere Generationen. Wenn Kinder im Sand spielen, können Eltern oder Großeltern an Fitnessgeräten trainieren oder gemütlich auf der Bank sitzen. Der Kirchsteig, ein kleiner Weg zwischen der Feldsteinkirche und dem Wohngebiet Eßfeld, soll wieder geöffnet und geebnet werden. So muss niemand mehr den Umweg über die Bundesstraße nehmen, wenn er beispielsweise zum Generationenspielplatz möchte. Die neue Feuerwache vor der Kita ist nach vielen Diskussionen gebaut worden, der Kita-Spielplatz wurde in den Garten hinterm Haus verlegt – ein bisschen weiter weg von der Bundesstraße. Überhaupt Lösungen: Die führt Uwe Vogt immer dann herbei, wenn ihm „der Puls geht“. Eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 30 km/h an der Bundesstraße vor der Kita haben er und seine Mitstreiter mittels Petitionen erreicht. Nun soll ein Radweg in den Nachbarort Wierigsdorf entlang der Bundesstraße folgen. Auch eine Erweiterung des Eßfeldes wäre noch möglich.

 

Mehrgenerationen-Spielplatz in Gießmannsdorf. Foto: Dörthe ZiemerWir müssen den Schwung nutzen“, sagt Uwe Vogt. Lebten 2010 noch 199 Einwohner in Gießmannsdorf, so sind es 2021 schon 243. Die Kita ist rappelvoll – hauptsächlich mit Kindern aus dem eigenen Dorf. Eine Erweiterung um zwölf Plätze wäre mit Fördermitteln denkbar. „Dieses Dorf hätte sich nicht so entwickelt, wenn wir 2014 die Kita zugemacht hätten“, stellt der Ortsvorsteher zufrieden fest. Das Miteinander zwischen Neu-Gießmannsdorfern und Alteingesessenen weiterentwickeln, die Vereine weiter zusammenbringen – das sind seine Ziele für die Zukunft. Neben all den praktischen Lösungen und den vielfältigen Kommunikationswegen, die so ein Zusammenleben erfordert.

Briesen: Dorf mit Sozialmacke

Susann Fischer, Ortsvorsteherin von Briesen. Foto: Dörthe ZiemerSozialmacke – wie das klingt! Aber so reden die Briesener selbst über sich und ihr gesellschaftliches Leben. Wie zum Beweis klingelt bei Ortsvorsteherin Susann Fischer (Foto) das Handy. Eine verletzte Katze wurde gefunden, sie soll zum Tierarzt gebracht werden. „Wenn etwas ist, halten die Leute zusammen. Man kennt sich persönlich, man hilft sich. Irgendwer ist immer da“, sagt sie. An diesem Tag wird sie die Katze zum Tierarzt fahren. Zwischendurch nimmt die Gastwirtin eine Bestellung für ein Kaffeetrinken einer Trauergesellschaft auf, und eine ältere Dame fragt übern Gartenzaun, wie sie denn nun zum Einkaufen komme, da es im Ort keine Teststelle gebe. Als würde das alles plus politisches Engagement in Gremiensitzungen für einen komplett neu gewählten Ortsvorstand nicht ausreichen, hat sich dieser kurzfristig für die Bewerbung am Dorfwettbewerb entschieden. „Wir sind für spontane Sachen zu haben“, sagt Susann Fischer. Dazu gehören zum Beispiel auch Hilfstransporte ins von der Flut gebeutelte Ahrtal. Ein Aufruf, ein LKW, viele Helfer – und schon ging es los, inzwischen bereits mehrfach.

 

Der Grill- und Sportplatz nebst Schwimmbecken ist im Sommer der Dreh- und Angelpunkt im Dorf. Foto: Dörthe ZiemerVermutlich war auch die Idee, das Freibad mittels Dorf-eigener Rettungsschwimmer zu erhalten, eine spontane. Jedenfalls eine mit langfristiger Wirkung: Das Freibad ist zum Dorfmittelpunkt geworden, seit sich ein Dutzend Briesener zum Rettungsschwimmer ausbilden ließ, inzwischen sind es 19 Freiwillige. Immer nachmittags hat das Bad im Sommer geöffnet, Sonderöffnungszeiten werden spontan zum Beispiel via Facebook bekannt gegeben. Auch der Schwimmunterricht benachbarter Schulen findet dort statt. Neben dem sommerlichen Ortszentrum – der Dreh- und Angelpunkt – steht gleich das neue Kulturzentrum: Kegelbahn, Sportraum, Bibliothek, Küche und Raum für Kreativkurse befinden sich dort. Finanziert wurde es aus Erlösen des Schlossverkaufes, getragen wird es durch die Briesener Dorfgemeinschaft. Entsprechend lang ist die Liste der Jahreshöhepunkte: Schlachtefest, Fastnacht mit Zampern und Speckessen, Osterfeuer, Trödelmarkt, Neptunfest, Frühlings- und Herbstfest für Senioren, Kasperletheater vor Weihnachten…

 

Bei all dem gilt auch in Briesen: Kommunikation ist das A und O. Was beim Rundgang durchs Dorf nicht aufgeschnappt oder mittels Aushang bekannt gegeben wird, verbreitet sich über die Dorf-eigene Whatsapp-Gruppe. 64 Mitglieder hat sie – bei 284 Einwohnern also ein Viertel der Einwohner oder: etwa jeder zweite Haushalt. Im Sommer verdoppelt sich die Einwohnerzahl – wenn die Laubenpieper ins Dorf kommen, das Susann Fischer immer wieder ein „herrliches Fleckchen Erde“ nennt. Zuzug gibt es immer wieder, Leerstand kaum. Die neuen Briesener werden gleich in die Gemeinschaft einbezogen – entweder als Rettungsschwimmer oder anders. „Gut, dass die Ortsvorsteherin immer in der Kneipe zu finden ist“, sagt Susann Fischer, Inhaberin der Gaststätte „Zur grünen Linde“, mit einem Schmunzeln.

 

Dass der Ortsvorstand aus einer Wählergruppe heraus komplett neu gewählt wurde, liegt wohl auch an der „Sozialmacke“. „Wer sonst soll unsere Interessen vertreten, wenn nicht wir selbst“, fragt die Ortsvorsteherin und erzählt, wie sie sich in die politische Arbeit reingefitzt habe. „Ich bin ein offener Mensch, und wie es in den Wald reinruft, so schallt es wieder heraus“, sagt sie. Viele Fragen habe sie gestellt – bei den Sitzungen, in der Amtsverwaltung – und immer Antworten bekommen. „Man wächst mit seinen Aufgaben“, erklärt sie. Nebenbei zeigt sie, wo sie als Kind unterwegs war: auf der Schinderküte. Nach der Schule war sie weg: Ihre „Sturm- und Drangzeit“ hat sie in Berlin verbracht – „so, wie sich das gehört“. Nun ist sie wieder da – und mischt mit. Dabei schaut sie mitnichten nur auf das eigene Dorf: „Man muss das große Ganze sehen und Ausgleich finden“, sagt sie über ihre politische Arbeit. „Vom egoistischen Ich, Ich, Ich haben wir schon genug.“ Dabei hat auch ihre und ihren Mitstreitern die Pandemie zugesetzt: „Das Gemeinschaftliche ist eine zarte Pflanze, die gepflegt werden will“, sagt sie – das war nicht immer möglich in den vergangenen zwei Jahren. So blieb beispielsweise dem Nikolaus nur, durchs Dorf zu ziehen und Geschenke zu verteilen.

 

Die Bücherzelle als Symbol für das Motto der Briesener: Eins geben, eins nehmen. Foto: Dörthe ZiemerNeben der „Sozialmacke“ ist es die Geschichte, die das Dorf prägt: Ob alte Schnitterhütten, altes Elektrizitätswerk, das Schloss und seine Nebengelasse – die Historie lässt sich an den Gemäuern ablesen. Das Schlimmste Kapitel der Geschichte jedoch, das muss erzählt werden, weil es nicht mehr zu erkennen ist: Am Karnickelberg, erzählt Susann Fischer, lagen die Toten der Kesselschlacht von Halbe und wurden beerdigt, später wurden sie auf den Waldfriedhof Halbe umgebettet. Überhaupt der Zweite Weltkrieg – „der war hier präsent“. „Die Kesselschlacht von Halbe begleitet einen hier überall, das wird einem in die Wiege gelegt: beispielsweise durch das Wissen, wie man sich bei einem Munitionsfund verhält“, sagt Susann Fischer, die sich auch über den Ort hinaus für Demokratie und Toleranz engagiert. Doch die Geschichte hält auch positive Momente bereit: etwa die erste öffentliche Schule, die die Lyrikerin Elisabeth von Schlieben 1822 dem Ort gestiftet hat. Auch die Gemeindebibliothek ist ihr zu verdanken – und wie zum Symbol steht heute in Briesen mitten im Ort eine Bücherzelle, die in Eigeninitiative der Dorfbewohner eingerichtet wurde und für fortwährenden Lesestoff sorgt.

Töpchin: Der digitale Dorfplatz

Jan Priemer, Orstvorsteher von Töpchin. Foto: Dörthe ZiemerDer Dorfplatz in Töpchin ist digital. Natürlich ist der Dorfanger noch da, wo er immer war – dort an der Kirche, mit den Sitzbänken. Doch es gibt seit dem ersten Advent eben auch im Internet einen Dorfplatz. Via App können sich die Töpchiner auf dem Handy oder dem Tablet anmelden und mit den anderen Dorfbewohnern in Kontakt treten: Themen diskutieren, Basteleien, Erntegut oder Feldsteine anbieten, Fragen stellen, sich in Untergruppen wie der zum Bolzplatz verabreden und vieles mehr. Der digitale Dorfplatz ist Ergebnis eines längeren Prozesses, in dessen Zentrum immer wieder die Frage stand: Wir schaffen wir es, uns gegenseitig auf dem Laufenden zu halten? Ein bisschen ist das aber auch die Frage nach der eigenen Zukunft.

 

Dreimal hat Töpchin am Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ teilgenommen. Immer gingen von der Teilnahme – und vom Preisgeld – neue Impulse aus. Vom zweiten Preisgeld wurde die Teilnahme an einem DorfDialog beim Forum Ländlicher Raum am Seddiner See mitfinanziert. Dort diskutierten Engagierte aus verschiedenen Dörfern, aber auch die Orte jeweils unter sich, welche Entwicklung der eigene Ort nehmen soll. „Wir haben viele Projekte besprochen, aber als Fazit kam heraus: Es kommt auf Kommunikation und Information an“, sagt Ortsvorsteher Jan Priemer (Foto). „Wir wollten engeren Kontakt im Ort, mehr Leute aktivieren, mehr Menschen für die Vereine begeistern“, sagt er. Es gebe zwar das Amtsblatt der Stadt Mittenwalde, zu der Töpchin seit 2003 gehört, es gibt eine ortseigene Homepage und den „Töpchiner Ziegelbrenner“ mit Vereinsinfos und Terminen. Das ist jedoch Kommunikation in eine Richtung – von der Gemeinde zum Einwohner, vom Verein zum Einwohner.

 

Dier Grundschule ist im Dorf: Darauf ist Töpchin besonders stolz. Foto: Dörthe ZiemerNun, auf dem digitalen Dorfplatz, geht es in alle Richtungen. Derzeit hat die App, die bei einem Schweizer Unternehmen vom Ortsteilbudget eingekauft wurde, rund 140 Nutzer. „Bis Ostern wollen wir 300 haben“, kündigt der Ortsvorsteher an. Töpchin habe rund 350 Haushalte, da könne man dann sicher sein, fast alle zu erreichen. Und alle können den Ortsbeirat direkt kontaktieren. Schließlich gehe es nicht nur um Biete/Suche oder das nächste Vereinsfest, sondern um „alles, was wichtig ist“, sagt Jan Priemer. Dazu gehören beispielsweise auch B-Pläne – wann werden sie wo öffentlich ausgelegt, wo kann man sich dazu äußern? „Dann kann niemand mehr sagen, er hätte von nichts gewusst“, so Jan Priemer, der auch Stadtverordneter in Mittenwalde ist.

 

Neues Bauland erschließen, das will Töpchin auf alle Fälle: In Töpchin-Nord liegt eine Laubenpieper-Siedlung, für die Baurecht geschaffen wurde, d.h., anstelle von Lauben entstehen dort nun Wohnhäuser. Dazwischen: Feld. Auch das könnte für Wohnzwecke genutzt werden und das eigentliche Dorf an den Siedlungsteil im Norden anbinden. Doch es geht nicht nur um die infrastrukturelle Anbindung, sondern auch um die menschliche. „Hier in Töpchin hatten Alteingesessene lange viel Verantwortung“, erzählt Jan Priemer. Ein ‚war schon immer so‘ sei hier allgegenwärtig gewesen. „Doch auch Neubürger bringen sich gern ein“ – das müsse man gestalten. Das sei bei einem 200-Seelendorf einfacher, wo ab und zu Zuzüge stattfinden, als wenn es knapp 1.000 Einwohner sind und der Ort wächst. „Man muss einen Weg finden, die Leute im Ort mitzunehmen und sie zu aktivieren“, sagt der Ortsvorsteher.

 

Die Kirche am Dorfanger in Töpchin. Foto: Dörthe ZiemerDen Mittenwalder Ortsteilen kommt dabei zugute, dass sie seit vier Jahren über ein eigenes Ortsteilbudget verfügen können. „Sieben Euro pro Einwohner“, erklärt Jan Priemer, „und der Ort kann sich Gedanken machen, wofür er das Geld einsetzen will.“ Über dieses Budget wurde auch der digitale Dorfplatz finanziert, damit er für alle Bewohner kostenfrei nutzbar ist. Der Heimatverein stand als Vertragspartner für die App bereit. Wiederum kann die App dafür genutzt werden, neue Ideen zu diskutieren. „Wir sammeln das ganz Jahr über Ideen“, sagt der Ortsvorsteher. Die Finanzmittel können auch übertragen werden, wenn feststeht, dass sie für ein bestimmtes Projekt vorgesehen sind. Dorfanger und Kirchplatz mit Stromanschlüssen zu versorgen, um die Durchführung von Festen zu erleichtern, oder der Ziegelei-Wanderweg, der in Zusammenarbeit mit anderen Kommunen umgesetzt wird, sind Beispiele für solche Projekte aus dem Ortsteilbudget.

 

Außerdem hat Töpchin ein Mehrwegbecherkonzept eingeführt. Die 4.000 Becher mit Töpchiner Wappen können von allen Vereinen geliehen werden, so wird bei Veranstaltungen der Müll reduziert – und die Becher schafften zugleich Identifikation, „weil alle Vereine am Layout und den Farben mitwirken konnten“, schwärmt der Ortsvorsteher. Mit einem Spreewalddorf könne sein Töpchin nicht mithalten, verteidigt Jan Priemer am Kamin im Clubraum seiner Pferderanch den zweiten Platz im Dorfwettbewerb gegenüber dem Sieger Byhleguhre-Byhlen. Doch in Sachen Kommunikation macht sein Dorf wohl kaum jemandem etwas vor.

Byhleguhre: Dörflicher Glanz in weihnachtlichem Licht

Jutta Vogel und Monika Schernikau vom Dorfverein sowie die Gemeindevertreter Oliver Stein und Christian Bramer (v.l.). Foto: Dörthe ZiemerIn der Weihnachtszeit erstrahlt Byhleguhre-Byhlen noch mehr als sonst: Nicht nur die Bauernhöfe und Wohnhäuser sind festlich geschmückt – auch auf öffentlichen Plätzen und am alten Dorfkonsum leuchtet und glitzert es, ganz so, als wollte der Ort seinen ersten Platz im Dorfwettbewerb gebührend feiern. Beides hängt zusammen, denn Byhleguhre-Byhlen wäre nicht Sieger geworden, würde sich der Zusammenhalt im Ort nicht unter anderem in der Gestaltung des Ortsbildes äußern. Eine Weihnachtsfrau auf dem Kahn, ein großes, beleuchtetes Paket gegenüber, nebenan vier überdimensionierte Kerzen im Dunkel der Nacht – die natürlich erst am vierten Adventssonntag gemeinsam leuchten. Weiter hinten der alte Dorfkonsum, das neue Gemeindezentrum – als Herz der Dorfgemeinschaft. Das Schaufenster darf immer ein Verein oder eine Familie aus dem Ort gestalten.

 

Zugleich ist Byhleguhre-Byhlen ein Dorf wie viele andere: nach der Wende der Wegzug vieler junger Menschen, ausbleibender Nachwuchs, Arbeitslosigkeit und der Niedergang von vielem, was vorher lebensbestimmend war: die Landwirtschaft, die dörfliche Gemeinschaft, das gesellschaftliche Selbstverständnis. Die 180-Grad-Wende, sie ist noch gar nicht so lange her: 2018 gründete sich der Dorfverein und bezog einen leeren Raum im alten Dorfkonsum. Dieser existierte nach der Wende so lange, bis sein Inhaber 2017 in Rente ging. Keine Kette, kein Franchise-Unternehmer wollte anschließend dort Lebensmittel verkaufen. Als Kinder waren sie alle drin, in dem DDR-Flachbau, sagen die älteren Dorfbewohner. Nun stand er leer. Einen „Schub“ brauchte es da, wie Jutta Vogel, die ehemalige Ortsbürgermeisterin, sagt. Dieser Schub war die erste Teilnahme am Dorfwettbewerb im Jahr 2017. Zwei Jahre zuvor hatte Byhleguhre-Byhlen sein 700jähriges Bestehen gefeiert – und da hatten die Veranstalter „die Menschen aus den Gehöften gelockt“, erinnert sich Jutta Vogel gemeinsam mit ihrer Mitstreiterin Monika Schernikau sowie Oliver Stein und Christian Bramer von der Gemeindevertretung (Foto, v.l.). „Es war doch schön“, war von vielen Gästen zu hören – verbunden mit dem Wunsch, diesen Schwung zu erhalten.

 

Der Alte Dorfkonsum ist die Begegnungsstätte im Dorf. Foto: Dörthe ZiemerDer Sieger hieß damals Fürstlich Drehna, aber Byhleguhre-Byhlen gewann einen Dorfverein. Einen sehr aktiven zumal, denn seitdem stehen, wenn nicht gerade Pandemie ist, Höhepunkte wie Neujahrsempfang, Schlachtefest, Frauentag, sorbische Ostereierbräuche, Buchlesungen, Plinsnachmittage, Spinteabende, Schoberfest, Drachenfest, Kürbisfest, Oktoberfest Milchrampenfest, Musiknachmittage, Weihnachtsbaumschmücken, Weihnachtsmarkt und mehr auf dem Programm. Das Feiern fällt derzeit Zeit bekanntermaßen häufig aus, und so besinnt sich das Spreewalddorf, wie so viele, auf das, was trotz Pandemie geht. Das sind zum Beispiel kleine Päckchen für die 108 Senioren im Ort oder Weihnachtspostkarten mit Dorfansichten.

 

Zu fast jedem Fest gibt es eine eigene Geschichte. Die schönste wird über das Schoberfest erzählt: Ältere Einwohner hätten festgestellt, dass die spreewaldtypischen Heuschober im Dorf fehlten, berichtet Christian Bramer, selbst Bauer. Doch niemand im Ort wusste mehr so recht wie das geht: einen Heuschober bauen. Ein Bauer aus dem Nachbarort konnte helfen, und damit es nicht gleich wieder in Vergessenheit gerät, wie ein Schober gebaut wird, sollten alle zuschauen und mitmachen dürfen, die wollten: Das Heuschoberfest war geboren. Vom ersten Fest zeugt ein Bildband, der aus alter Zeit zu stammen scheint: Arbeitstrachten aus Blaudruck und Strohhüte, riesige Holzharken und fröhliche Kinder vor ganz viel Heu. Bald interessierte es nicht nur die Einheimischen, wie ein Heuschober gebaut wird, sondern auch die Gäste aus dem benachbarten Touristenort Burg. Ähnlich ist es mit dem Plinsenbacken: Aus lauter Spaß und Appetit ins Leben gerufen, ist der montägliche Schlemmernachmittag zu einem festen Termin für Einheimische und Touristen geworden. Abwechselnd backen Menschen aus dem Dorf typische Spreewälder Plinsen – allen voran die Männer, wie zu hören ist. Zum Dorfbild gehören inzwischen auch wieder Milchrampen, wenn auch nur zu Anschauungszwecken, und dank des Engagements der Dorfkita auch ganz viele Kürbisse im Herbst.

 

Milchkannen, Heuschober und mehr prägen wieder das Dorfbild. Foto: Dörthe ZiemerDer Ortsname Byhleguhre geht auf das Niedersorbische Běła Góra – Weißer Berg – zurück. Weil das Spreewalddorf zum angestammten Siedlungsgebiet der Sorben/Wenden gehört, wird die Pflege dieses Erbes im Dorf großgeschrieben. Insbesondere der Historikerverein bemüht sich darum. Der Domowina-Verlag hatte seinen Jahreskalender 2021 dem Byhleguhre gewidmet. Artikel in sorbischen Nachrichtenmagazinen gehören ebenso dazu wie gemeinsame Veranstaltungen mit der Schule für Niedersorbische Sprache und Kultur.

 

Immer mehr Touristen suchen in Byhleguhre-Byhlen die Ruhe und Dörflichkeit, die in manchen Touristenhochburgen im Spreewald nicht mehr zu finden ist. Der Gurkenradweg ist nah, nur die Anbindung an die Fließe des Spreewaldes fehlt – diese ist dem Bau des Nordumfluters zum Opfer gefallen. Aber auch viele Einheimische, die nach der Wende weggegangen sind, kommen heute wieder und bauen sich eine Existenz im Spreewald auf. Kleingewerbe siedelt sich an, auch wieder mehr Landwirtschaft – sodass immer häufiger die Rede von „wir Jungbauern“ ist. Die Kita platzt aus allen Nähten, und das Dorf wird immer jünger. Freie Grundstücke sind kaum zu haben. Bauland müsste dringend geschaffen werden, doch das ist im Biosphärenreservat nicht so einfach. Auch Straßen und Wege müssten saniert, Glasfaser und Hotspots eingerichtet werden, sagen die beiden Gemeindevertreter. In kleinen Verwaltungen wie dem Amt Lieberose/Oberspreewald ist das alles immer eine Herausforderung. „Aber wir haben eine junge Gemeindevertretung“, stellt Oliver Stein fest. Die gebe sich nicht damit zufrieden, als Bittsteller empfunden zu werden, und sie verstehe die Verwaltung als Dienstleister für das politische Ehrenamt. Auch in den Verwaltungen hoffe er auf einen Generationswechsel – „denn noch ist umsetzen manchmal aussitzen“, kritisiert er.

 

Mittendrin in diesem Leben steht der Dorfverein, der – einer Krake gleich, wie Jutta Vogel sagt – überall seine Arme drin hat und Menschen zusammenbringen möchte. Das geht inzwischen ganz hervorragend in dem alten Dorfkonsum, der Begegnungsstätte, Café, Bar, Bibliothek, Fernseh- und Vergnügungsraum zugleich ist. Auch der Jugendclub soll bald dort einziehen. Die kleine Bar wurde selbst gezimmert, das Gestühl preiswert erstanden. Die Bibliothek funktioniert nach dem Prinzip „eins nehmen, eins geben“ – wie auch sonst in Byhleguhre-Byhlen vieles nach diesem Motto läuft.

 

Lesen Sie auch unser Interview zu Perspektiven im Ländlichen Raum mit Melanie Kossatz und Sarah Plotzky vom Spreewaldverein, der sich um das Leader-Management in der Region kümmert.

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Veröffentlichung

Fr, 31. Dezember 2021

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