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Hausunterricht mit Tücken, Verzweiflung und Erfolg

Schüler, aber auch Eltern und Lehrer, sind in die diesmal besonders wohlverdienten Ferien gestartet. Ein Rückblick zeigt, wo es im Corona-Schuljahr besonders haperte. Es bleibt die Hoffnung, dass es in einem eventuellen dritten Lockdown besser laufen möge.

 

Von Andreas Staindl

 

Die Corona-Pandemie hat es sehr deutlich gemacht: Bildungschancen der Kinder und Jugendlichen hängen nicht nur von den eigenen Fähigkeiten, vom Fleiß und vom Ehrgeiz ab. Vielmehr spielen moderne Technik, digitale Lernmittel und das Engagement der Lehrer eine große Rolle. Doch genau dort zeigt sich ein großes Dilemma: Als die Schulen wegen der Corona-Kontaktbeschränkungen monatelang geschlossen waren und Bildung in das häusliche Umfeld verlegt wurde, war es aus und vorbei mit gleichen Bildungschancen für alle Schülerinnen und Schüler. Die einen kamen gut zurecht, die anderen überhaupt nicht.

 

Mitarbeiter der heilpädagogischen Kinder-und Jugendwohnanlage „Waldschlösschen“ des Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) in Lübben haben während der vergangenen Monate die gesamte Bandbreite erlebt: Tücken, Verzweiflung, Erfolg. Das Lernen zu Hause brachte alles. „Unsere Mitarbeiter sind bis an ihre Grenzen gegangen, um die Kinder und Jugendlichen während des Unterrichts auf Distanz zu begleiten“, sagt die Einrichtungsleiterin Claudia Walter. „Sie sind zwar Pädagogen, aber keine Lehrer. Der Mehraufwand für uns war enorm. Für unsere eigentliche pädagogische Arbeit blieb kaum noch Zeit. Es ist schon schwierig, so viele Kinder immer wieder für schulische Dinge zu motivieren. Die Luft war oft raus.“

 

Jede Schule  nutzt andere Formen der Wissensvermittlung

 

Etwa 70 Schulkinder von der ersten bis zur zehnten Klasse leben in der Einrichtung der stationären Kinder-und Jugendhilfe in der Kreisstadt. Sie besuchen Schulen etwa in Lübben, Königs Wusterhausen, Luckau, Goyatz (Märkische Heide), aber auch in den Kreisen Oberspreewald-Lausitz und Elbe-Elster. Jede dieser Bildungseinrichtungen nutzt andere Formen der Wissensvermittlung. „Das zu koordinieren, den Überblick zu behalten, war schon schwer“, sagt Agnes Simon, Schulkoordinatorin in der Kinder-und Jugendwohnanlage des ASB. Video-Konferenz für die einen Schüler, Aufgaben per E-Mail, Schul-Cloud oder Arbeitsblätter für die anderen. Das volle Programm.

 

Die Schulkoordinatorin Agnes Simon unterstützt Kassandra während des Distanzunterrichts. Foto: Andreas Staindl

 

„Es gibt Schulen, die haben uns mit Aufgaben zugeballert und von uns erwartet, dass wir 24 Stunden lang in die Schul-Cloud schauen“, sagt Stephanie Reichel. Die Mitarbeiterin kritisiert auch, dass „Schulen voraussetzen, dass alle Kinder Zugang zu Medien haben. Das aber ist bis heute nur eingeschränkt möglich. Bei uns steht jeder Gruppe nur ein Laptop zur Verfügung. Wer soll da zuerst lernen? Und wenn dann noch jede Schule mit anderen Programmen arbeitet, wird es ganz schwierig.“ Stephanie Reichel erinnert sich noch gut an die ersten Wochen, als die Kinder nicht mehr in die Schulen durften und „wir überhaupt keine Laptops hatten. Dass die jungen Bewohner Handys haben, war damals unsere Rettung.“ Sie sieht trotz aller Probleme aber auch, dass „sich Schulen im zweiten Lockdown besser organisiert haben“.

 

Einige Schüler haben ihre Leistungen im Homeschooling verbessert

 

Ihr Kollege Tobias Walter versuchte sich notgedrungen ebenfalls als Aushilfslehrer: „Obwohl meine Schulzeit noch nicht so lange zurückliegt, fällt es mir manchmal schwer, den Kindern etwa in Mathematik den geforderten Lösungsweg zu erklären. Einfach, weil ich es anders gelernt habe. Die Lehrer aber erwarten den für sie richtige Lösungsweg. Und doch“, sagt er, „haben einige unserer Bewohner ihre schulischen Leistungen während des Homeschooling verbessert“.

 

Kassandra (14) hat für gutes Lernen sogar einen Laptop von ihrer Schule geschenkt bekommen, wie sie sagt. „Dann brauchte ich nicht mehr mit anderen Kindern meiner Gruppe zu tauschen und zu warten, bis sie mit ihren Aufgaben fertig sind.“ Und doch lief offenbar auch für die 14-Jährige nicht alles rund: „In unserer Schul-Cloud standen nicht alle Fächer drin. Sport und Musik hatte ich schon seit Wochen nicht mehr. Auch in Physik habe ich nur sehr wenig von unserer Schule gehört.“

 

Kommt im nächsten Schuljahr der große Einbruch?

 

Sie ist nicht die einzige, der Lerninhalte fehlten. „Viele unserer Kinder und Jugendlichen dürften den geplanten Schulstoff überhaupt nicht vermittelt bekommen haben“, sagt Claudia Walter. „Sie haben ohnehin schon Lernschwierigkeiten und müssten das Schuljahr eigentlich wiederholen. Ich befürchte, dass sie im nächsten Schuljahr überhaupt keine Sonne mehr sehen und der große Einbruch kommt.“ Die Leiterin sieht sich durch die aktuellen Abschlüsse von Zehntklässlern ihrer Einrichtung bestätigt: „Sie haben mit dem Mindestabschluss die Schule verlassen. Das ist untypisch für unsere Bewohner, die sonst viel besser sind.“

 

Für Dominik dagegen war der Hausunterricht positiv. „Homeschooling ist gut für mich“, sagt der 15-Jährige. „Ich habe mehr Ruhe als in der Klasse, kann mir meine Zeit einteilen und Aufgaben so lösen, wie ich es schaffe, also die leichten zuerst. Das ist nicht so stressig und für mich ein Vorteil, weil ich weniger abgelenkt werde.“ Ganz rund lief es allerdings auch bei ihm nicht: „Einige Lehrer schrieben auf Fragen nicht zurück. Zudem waren manche Video-Konferenzen schlecht organisiert.“ Für die Mitarbeiter der Kinder-und Jugendwohnanlage bedeutete Hausunterricht über Monate Stress. „Es ist eine wahnsinnige Mehrarbeit für uns“, sagt Claudia Walter. „Mitarbeiter müssen wegen Homeschooling am Vormittag länger bleiben, fehlen aber dann zu anderen Zeiten. Diese Situation erschwert unsere pädagogische Arbeit ungemein.“ Zumal Erzieher keine Lehrer sind. „Ich habe mir ein Buch über Lernmethoden gekauft, um den Unterrichtsstoff vernünftig vermitteln zu können“, erzählt Agnes Simon.

 

Im nächsten Lockdown muss es anders laufen

 

„Wenn es wieder einen Lockdown geben sollte, muss Homeschooling anders laufen. Wir brauchen mehr Technik, ein Laptop für jedes Schulkind unserer Einrichtung. Die Lehrer müssen auf digitalen Unterricht besser vorbereitet sein. Und es muss ein einheitliches System aller Schulen geben, wie Homeschooling gestaltet wird“, fordert Claudia Walter. Kassandra wünscht sich, dass „sich nicht nur der Klassenlehrer meldet, sondern sich auch die Fachlehrer melden“. Das hat auch Claudia Walter als Defizit ausgemacht: „Von einigen Lehrern haben wir die ganze Zeit nichts gehört, keine Rückmeldung, einfach nichts.“

 

Schule zu Hause war für Kinder und Eltern auch im Norden des Landkreises Dahme-Spreewald eine Herausforderung. „Im ersten Lockdown war Homeschooling eine Katastrophe“, sagt Katja Schachtschneider aus Königs Wusterhausen. „Die Lehrer waren einfach nicht darauf vorbereitet. Später ist es besser geworden, da gab es zwei Lernplattformen, allerdings nur wenige Video-Konferenzen. Die Kommunikation zwischen der Schule und dem Elternhaus hat sich zwar verbessert, doch einige Lehrer sind mit dem digitalen Unterricht noch immer überfordert. Besonders schlecht fand ich es, dass einige Fächer wochenlang nicht oder nur eingeschränkt unterrichtet wurden. Das macht gerade das Lernen vom Fremdsprachen schwierig.“

 

Oft blieb das Feedback der Lehrer aus

 

Katja Schachtschneiders Tochter besucht die achte Klasse eines Gymnasiums in Königs Wusterhausen. „Viel Lernstoff“, befürchtet die Mutter, „wurde in diesem Schuljahr nicht umgesetzt“ Sie kritisiert zudem, dass „es oft kein Feedback der Lehrer auf erledigte Aufgaben gab. Das hat sich während der vergangenen Wochen etwas gebessert.“ Und doch ist sie mit dem Ablauf des Hausunterrichts nicht zufrieden: „Die Kinder sind allein auf weiter Flur. Sie müssen sich in Technik reinfummeln, um überhaupt am Unterricht von zu Hause aus teilnehmen zu können. Ich hätte erwartet, dass die Schule nach dem ersten Lockdown mit den Kindern digitale Kommunikation trainiert, was aber nicht passiert ist.“ Katja Schachtschneider wünscht sich für einen eventuellen dritten Lockdown „einen einheitlichen Fahrplan, wie Unterrichtsstoff für alle Schüler gleich vermittelt wird“.

 

Katja Schachtschneider ist mit dem Distanzunterricht im Gymnasium ihrer Tochter in Königs Wusterhausen nicht zufrieden. Foto: Andreas Staindl

Katja Schachtschneider

Gorden Hilgert hat in der Schule seiner Tochter gute Erfahrungen mit dem Hausunterricht gemacht. Foto: Andreas Staindl

Gordon Hilgert

 

 

Dass Hausunterricht funktionieren kann, hat Gorden Hilgert erlebt. „Die Schule meiner Tochter ist technisch sehr gut ausgestattet. Sie hielt zudem ständig Kontakt zu mir. Die Lehrerin kam sogar zu mir nach Hause. Ich fühle mich zu jeder Zeit bestens informiert.“ Das schätzt der Lübbener auch für seine Tochter ein: „Ich denke, dass sie den Unterrichtsstoff dieses Schuljahrs zu 75 Prozent vermittelt bekommen hat. Und sie hat mit Hilfe ihrer Schule während des Lockdowns gelernt, wie man lernt.“ Gorden Hilgerts Tochter besucht die Freie Waldorfschule in Görlitz (Sachsen).

 

Reagieren freie Schulträger flexibler auf Distanzunterricht? Auch die evangelische Grundschule in Lübben wurde von ihrem Träger, der evangelischen Schulgemeinschaft Niederlausitz gGmbH, schon vor Monaten mit Smartboards und iPads ausgestattet. Dank moderner Technik sieht der Schulmanager Axel Meier seine Schule „digital gut aufgestellt. Unsere Lehrer ziehen super mit. Sie wurde extra für die neue Technik geschult, weitere Schulungen sind geplant. Wir haben aus dem ersten Lockdown im Frühjahr des vergangenen Jahres gelernt und uns auf die besondere Herausforderung des Distanzunterrichts eingestellt“, sagt Axel Meier.

 

Eltern starteten eine Petition an den Landtag

 

Weil das längst nicht in allen Schulen der Fall ist, haben Eltern im Spreewald Alarm geschlagen. Sie hatten Anfang dieses Jahres eine Petition an den Brandenburger Landtag auf den Weg gebracht. Kritisiert wurde etwa, dass die Sommerferien 2020 nicht genutzt worden seien, um für den zweiten Lockdown in diesem Jahr besser vorbereitet zu sein. „Lernerfolge dürfen nicht vom Wollen und Können der Lehrer und auch nicht von den pädagogischen Fähigkeiten der Eltern abhängen, schon gar nicht darf Bildung ein Zufallsprodukt sein“, hatten die Initiatoren Jens Richter und Markus Hinz aus Lübben damals argumentiert. Menschen aus dem gesamten Landkreis Dahme-Spreewald, aber auch aus anderen Regionen, haben die Petition für bessere Bildung unterstützt. Es waren laut Markus Hinz allerdings nicht genug, um damit den Druck auf die Entscheidungsträger zu erhöhen. Die Petition hat allerdings für zusätzliche Aufmerksamkeit für die Sorgen sowie Herausforderungen von Eltern und Schulkindern mit dem Hausunterricht gebracht.


Lesen Sie dazu auch unseren Text über die Mitwirkung von Eltern, Lehrern und Schülern - während der Pandemie, aber auch darüber hinaus.

 

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Veröffentlichung

Di, 29. Juni 2021

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