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Wenn der Spargel lila Köpfe hat...

… dann ist er vermutlich ohne Folie gewachsen. Das ist inzwischen eine Rarität – die meisten Spargelfelder, auch im Bio-Bereich, sind mit Agrarfolie bedeckt. Der Verbraucher wolle es so, lautet häufig das Argument. Doch der – hat meistens gar keine Wahl.

 

Von Dörthe Ziemer

 

Käufergespräch am Spargelstand: „Folienfreier Spargel – schmeckt der besser?“, fragt Kunde Nummer 2. „Das weiß ich nicht“, antwortet Kundin Nummer 1, „aber ich möchte folienfreien Spargel haben“. Doch die Wahl besteht an vielen Verkaufsstellen gar nicht mehr – folienfreier Spargel ist nicht überall im Angebot. Manche Betriebe haben gar keinen folienfreien Spargel mehr, andere bieten ihn ausschließlich an, haben aber auch nur zwei Verkaufsstellen.

 

Kundenanruf beim Spreewaldbauer Ricken. Er ist mit über 200 Hektar eigener Anbaufläche einer der größten Spargelbauern der Region. Folienfreien Spargel gibt es ab 20. bis 25. April, heißt es auf Nachfrage. Geplant sei das Angebot sogar an allen Verkaufsstellen. Doch die Anbaufläche sei nicht so groß, dass regelmäßig auch wirklich alle Verkaufsstellen beliefert werden könnten.

 

In der Tat ist die folienfreie Fläche eher gering: In Brandenburg wird auf drei Vierteln der Spargelanbaufläche Folie zur Ernte eingesetzt, wobei ein Großteil der restlichen Fläche Felder im ersten und zweiten Anbaujahr sind und somit ohne Ernte, also auch ohne Folie bleiben. „Nur ein kleiner Teil des Spargelanbaus erfolgt ohne Folie, oft im Nebenerwerb“, informiert die Grünen-Landtagsabgeordnete Isabell Hiekel nach einem Fachgespräch Ende März. Sie kaufe folienfreien Spargel beim Spargelhof Kalkwitz, sagte sie. Der Biobetrieb wirbt nicht nur mit dem folienfreien Anbau, sondern auch mit dem besseren Geschmack des natürlich gewachsenen Spargels. „Wir haben den Geschmackstest gemacht und bleiben deswegen beim traditionellen Spargelanbau ohne Folie“, heißt es auf der Homepage.

 

Pro Folie

Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten – erst recht beim Spargel. Denn auch die Bauern, die Spargel unter Folie anbauen, argumentieren dafür mit dem guten Geschmack. „Spargel, der langsamer wächst, ist holziger und nicht so zart“, sagt beispielsweise Uwe Schieban vom Agrarbetrieb Dürrenhofe. Er baut auf 35 Hektar Spargel unter Folie an, um u.a. den Erntezeitpunkt vorzuziehen und damit die Ernteperiode und den Ertrag zu erhöhen. Nur der grüne Spargel komme ohne Folie aus, sagt er. Wenn es einen Markt dafür gäbe, könnte er problemlos auch weißen Spargel ohne Folie anbauen – dann komme der eben später und sei teurer. Teurer deshalb, weil er zweimal pro Tag gestochen werden muss, damit die Spargelspitzen keine lila Köpfe bekommen – denn auch das sei vom Verbraucher nicht erwünscht.

 

Beim Online-Fachgespräch der Grünen Landtagsfraktion wurde das Pro und Contra Folienanbau beim Spargel und anderen Kulturen erörtert und Alternativen zum Folienanbau bzw. ein ökologischerer Umgang damit aufgezeigt. Denn zahlreichen Vorteilen stehen erhebliche Nachteile gegenüber. Überraschend für manchen Kunden dürfte sein, dass Folienanbau auch im Bio-Bereich erlaubt ist. Dessen Vorteile wurden sowohl von einem konventionellen als auch von einem Bio-Spargelbauern erläutert: Die Folie schütze vor Winderosion (was gerade bei den sandigen Brandenburger Böden von Bedeutung sei) und vor Wasserverdunstung (die Spargelkultur benötige unter Folie kaum Wasser). Die Folie fördere den Humuserhalt, und Humus sei bekanntlich größter CO2-Speicher. Es herrsche ein signifikant aktiveres Bodenleben unter schwarzer Folie, etwa durch Insekten wie Marienkäfer, Hummeln, Fliegen, Wespen, Libellen.

 

Mit Folien überspannte Dämme auf einem Spargelfeld. Foto: Dörthe Ziemer

 

Nach der Ernte werde die Folie entfernt, der Spargel wachse aus und spende mit seinen Blüten wertvolle Blütenpollen. Er hoffe, sagte Bio-Bauer Thomas Syring vom Syringhof in Beelitz, mit seinem Vortrag die Zuhörer „nicht zu sehr zu schocken: Auch im Bio-Bereich ist die Folie dabei.“ Gerade auch im Bio-Bereich würden unerwünschte Beikräuter auf und zwischen den Dämmen durch Folie unterdrückt, ergänzte der Unternehmensberater Jürgen Schulze, der Bauern in Gartenbau und Landwirtschaft mit Spezialisierung im Spargelanbau berät. Wenn Spargel ohne Folie angebaut werde, sei man der Konkurrenz etwa aus Peru und Marokko ausgesetzt, stellten andere Spargelbauern in dem Fachgespräch fest.

 

Contra Folie

Doch auch die unerwünschten Seiten des Folieneinsatzes sind – im wahrsten Wortsinn – unübersehbar: Karsten Jarausch, der sich in der Expertenrunde als „Spargelesser, Naturfreund und Radfahrer“ vorstellte, habe beobachtet, dass auf den großen Folienflächen kein Tier zu sehen ist: „null Vögel, kaum Insekten, kaum Feldtiere“. Es sei etwa für die mittlere Havelniederung nachgewiesen, dass große Spargelfelder mit Folienbedeckung negative Auswirkungen auf die Vogelwelt haben, ergänzte Isabell Hiekel. „Über einen großen Zeitraum ist Lebensraum einfach nicht vorhanden, und das vor allem während der Brut, also in der Erntezeit des Spargels. Diese Räume fallen aus als Brutraum.“ Es gebe Belege dafür, dass einige Vogelarten im Schwinden begriffen sind.

 

„Die Ackerstandorte werden immer mehr mit Folie durchsetzt.“
Isabell Hiekel, Landtagsabgeordnete der Grünen

 

Spargelfelder gleichen inzwischen Plastikmeeren, abgetrennte Stücke fliegen herum und verbleiben in der Landschaft. „Die Ackerstandorte werden immer mehr mit Folie durchsetzt“, stellte Isabell Hiekel beim Fachgespräch fest. Nicht nur, dass dies optisch unschön sei, es belaste die Umwelt mit Plastikresten bis hin zu Mikroplastik. Bei Spargel wie auch bei Erdbeeren geschieht das umso mehr, weil bei beiden Kulturarten die mit Folie bedeckte Fläche größer ist als die gesamte Anbaufläche, wie eine Studie des Fraunhofer-Instituts zu Kunststoff in der Umwelt festgestellt hat. Dies resultiere aus Mehrfachabdeckungen, bei denen beispielsweise Mulchfolien und Folientunnel oder Vliese kombiniert werden.

 

Laut der Studie verbraucht die deutsche Landwirtschaft ca. 1,1 Millionen Tonnen Kunststoff pro Jahr. Beim Kunststoffverbrauch erreicht sie einen Anteil an wiederverwerteten Kunststoffen (Rezyklatanteil) von ca. 37 Prozent und ist damit bei der Umsetzung einer Kreislaufwirtschaft anderen Kunststoffanwendungen deutlich voraus. Gleichwohl werden in einem durchschnittlichen landwirtschaftlichen Betrieb pro Jahr 4,3 Tonnen Kunststoff verbraucht, davon 2,3 Tonnen als Abfall und 2 Tonnen, die nicht in den Kreislauf zurückgeführt werden. „Der Verbleib dieser Menge ist bis heute nicht untersucht“, heißt es in der Studie.

 

Insgesamt schätzen die Autoren der Studie die Kunststoffemissionen in landwirtschaftliche Böden in Deutschland auf mindestens 19.055 Tonnen pro Jahr. Dabei stammen die Emissionen, die durch Freisetzung von Kunststoffen entstehen, zu 5 Prozent aus dem Pflanzenbau. Bestimmte Praktiken in der Landwirtschaft führen zu besonders hohen Flächeneinträgen von mehr als einem Kilogramm pro Hektar Anbaufläche und Jahr. Dazu gehört auch der der Anbau unter Folien, der zu Einträgen von bis zu knapp 10 Kilogramm pro Hektar führen kann.

 

Es gibt wenige experimentelle Forschungsarbeiten, die bislang Kunststoffe in Böden nachgewiesen haben – diese wurden zumeist außerhalb von Deutschland durchgeführt. „Sie zeigen, dass vor allem Flächen in der Nähe dicht besiedelter Regionen, wo Klärschlamm und Folien in umweltoffenen Anwendungen eingesetzt werden, hohe Kunststoffkonzentrationen bis zu 10 Milligramm pro Kilogramm (Trockenmasse) aufweisen“, heißt es in der Zusammenfassung der Studie. Und weiter schreiben die Autoren: „Wir gehen in Analogie zur Bewertung von Kompostqualitäten davon aus, dass ein Boden mit 0,1 Prozent Kunststoffen seinen wirtschaftlichen Wert verloren hat. Je nach landwirtschaftlicher Praxis kann es zu solch einer Entwertung in weniger als 20 Jahren bis hin zu einigen Hundert Jahren kommen.“ Einschränkend blicken sie jedoch voraus: „Die Tatsache, dass die Böden aber bereits heute verschmutzt sind und sich die Praktiken des Kunststoffeinsatzes fortwährend ausweiten, lassen die Annahme zu, dass die Entwertung eher schneller stattfindet.“

 

Lösungswege

 

Pro Folie hier – contra Folie dort? Und führt das zum Pro und Contra einheimischer Spargel? Das könne niemand wollen, sagt Isabell Hiekel: „Wir alle wollen Spargel aus der Region essen.“ Wo sind also Lösungswege?

 

Auch da hat die Fraunhofer-Studie einige Antworten. So hält sie eine Stärkung des Recyclings bei allen Kunststoffanwendungen für prioritär, ebenso wie die „Sicherstellung einer ausreichenden anwendungsspezifischen Abbaubarkeit in allen umweltoffenen Anwendungen, in denen Verluste nicht ausreichend ausgeschlossen werden können“. Außerdem brauche es eine geeignete und reproduzierbare Messmethodik für Kunststoffe in Böden. Was das Recycling betrifft, so bot das Fachgespräch einen tiefgehenden Einblick. Lorena Fricke von der Initiative Erde (Erntekunststoff-Recycling Deutschland) stellte die Grundzüge des Recyclings vor – welche Wege die Kunststoffabfälle nehmen und was das für die Betriebe bedeutet. Gegründet wurde die Initiative von Herstellern von Erntekunststoffen, die sich 2019 zum Recycling verpflichtet haben.

 

Es gibt deutschlandweit 600 feste Sammelstellen und 3000 mobile Sammler, dort, wo große Entsorger sind (mit großen Containern am Feld). In Brandenburg gibt es zwölf feste Sammelstellen, hauptsächlich im genossenschaftlichen und privaten Bereich, aber auch bei Entsorgungsbetrieben. Es gibt auch einige mobile Sammlungen. Das scheint insgesamt wenig, aber es hängt von der Betriebsgröße und der Vorarbeit ab, wie groß der Bedarf ist, erläuterte Lorena Fricke: Da die Betriebe in Brandenburg groß seien und die Vorbündelung der Kunststoffe gut laufe, würden sie durch Direktabholung von Entsorgern eingesammelt. Das sei kostengünstiger und effektiver. Wer als Landwirt einen Entsorger sucht, kann über die Initiative Kontakte vermittelt bekommen.

 

Handlungsfelder

 

Auf dieses Recycling-System verwies auch jüngst die Kreisverwaltung von Dahme-Spreewald in einer Antwort auf eine Anfrage des Grünen-Abgeordneten Lothar Treder-Schmidt. Für die Antwort dankte er, nannte sie aber unbefriedigend und deprimierend. „Schläuche und Reste liegen auf den Feldern. Sie müssen nicht selten jährlich entsorgt werden. Die Klage von Bürgern über verbleibende Reste bleibt. Wir tun sehenden Auges: gar nichts. Das Thema gehört von der Politik angepackt.“ Die mühte sich – in Gestalt von Isabell Hiekel und ihrem Landtagskollegen Johannes Funke (SPD) – bei dem Fachgespräch redlich um Lösungen. Recycling allein kann nicht alles sein – das wurde schnell deutlich.

 

„Wir tun sehenden Auges: gar nichts. Das Thema gehört von der Politik angepackt.“
Lothar Treder-Schmidt, Kreistagsabgeordneter der Grünen-Fraktion

 

So verbleiben immer noch zu viele Reste und ganze Folien am Feldrand oder auf dem Grundstück der Agrarbetriebe – ein Ärgernis, das beispielsweise im Spreewald schon zu vielen Diskussionen und Bürgerinitiativen geführt hat. Dazu nahm Johannes Walter, zuständiger Referatsleiter im Landwirtschaftsministerium, Stellung: Folien könnten vor Ort gelagert werden, wenn sie noch verwendet werden sollen. Die Frage sei, wann Folie zum Abfall werde und wie lange sie vor Ort verbleiben könne. „Wenn dann mehr Agrarfolie dort liegt, als das Feld braucht, dann liegt der Verdacht nahe, dass es sich um Abfall handelt. Das ist dann ein Fall für die Abfallwirtschaftsbehörden“, sagte er.

 

Grundsätzlich, erläuterte Johannes Walter, sei der Umgang mit Agrarfolie eine „Frage der guten fachlichen Praxis: Wie lange solle die Folie überhaupt auf den Feldern liegen? Da könnte es Vorgaben geben, etwa, dass die Folien nur kurz vor der Ernte ausgebracht werden dürfen und danach wieder aufgenommen werden müssen. Einige Gesprächsteilnehmer ergänzten, dass die Folie durchaus grün sein könne, um die Optik zu verbessern. Bioabbaubare Folie sei beim Spargel, da waren sich viele anwesende Experten beim Fachgespräch einig, keine gute Alternative.

 

Lorena Fricke rief dazu auf, dass man sich über den Händler, bei dem man die Folie kauft, informieren solle: Ist dieser am Recycling-System beteiligt? Lutz Pahl vom Verein Blühstreifen Beelitz forderte, das Problembewusstsein bei Bauern zu erhöhen: „Man muss verdeutlichen, dass man mit dem Einsammeln von Folienresten auch gute PR machen und die Sozialen Netzwerke damit bespielen kann.“ Eine Bildungsinitiative halten auch die Autoren der Studie zu Kunststoff in der Umwelt für dringend erforderlich: Diese solle „von objektiver Seite über die Möglichkeiten und Pflichten bei Emissions- und Verbrauchsminderung sowie der Kreislaufführung der Kunststoffe informieren. Insbesondere sollte über alternative Praktiken für eine plastikemissionsfreie Landwirtschaft informiert werden.“

 

Auf ein schönes Spargelgericht soll niemand verzichten - nur umweltverträglich sollte es sein. Foto: Dörthe Ziemer

 

 

„Vermeidung ist immer der erste Schritt, wenn es um Beseitigung eines Problems geht“, sagt Isabell Hiekel – und sieht deshalb auch den Verbraucher in der Pflicht. „Kommt man mit weniger Folie aus, wenn man das Verbraucherverhalten ändert?“, fragte sie und sagte, sie kenne Menschen, die folienfreien Spargel kaufen würden, aber nicht wüssten, wo. „Wenn man das richtig vermarkten würde, könnte man sich da sicher einen Markt erschließen.“

 

Malte Voigts, Spargelbauer in Kremmen, ergänzte, dass das dazu zahlreiche Kundengespräche notwendig seien: „Auf die Verbraucher einzugehen, gelingt uns nur, wenn diese auf dem Hof sind. Dass der Spargel auch mal krumm und mit Blume wächst und im Kochtopf wieder gerade wird, das sehen sie bei einer Betriebsführung.“ Mehr Aufklärung hält er für wünschenswert. Lutz Pahl vom Verein Blühstreifen Beelitz wünschte sich eine Werbekampagne, die Spargel mit lila Köpfen als Delikatesse preise.

 

Am Ende, schlussfolgerte Isabell Hiekel, gehe es nicht darum, den Spargel zu verteufeln, sondern ihn umweltverträglicher zu machen. Die Kunden sollten mehr regionalen Spargel ohne Folienernte in den Hofläden und regionalen Verkaufsstellen finden.

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Veröffentlichung

Di, 19. April 2022

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