Marktplatz LübbenTropical IslandsHöllberghof Langengrassau. Foto: Karsten FloegelDie Dahme bei ZeuthenKaskadenwehr Märkisch BuchholzTonsee Klein KörisSchwartzkopffsiedlung Wildau
Link verschicken   Druckansicht öffnen
 

Editorial: Auf zu Neuem!

 

Es bleibt spannend für Wokreisel, für den gemeinnützigen Journalismus und für den Lokaljournalismus... Dank einer Weiterförderung durch die Medienanstalt Berlin-Brandenburg und ein Grow-Stipendium wird das Magazin für Politik, Gesellschaft und Kultur in Dahme-Spreewald im Jahr 2022 weiterentwickelt.

 

Von Dörthe Ziemer

 

Es ist ein einziger Satz, der ein kleines Beben ausgelöst hat: „Wir schaffen Rechtssicherheit für gemeinnützigen Journalismus.“ Der Satz steht im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung auf S. 123. Das Beben (vielleicht auch: das Knallen von Sektkorken) hat überall dort stattgefunden, wo sich Journalisten für gemeinwohlorientierten, nicht kommerziellen Journalismus einsetzen. Medienprojekte, Journalismus-Verbände und Stiftungen wollen diese Form des Journalismus fest im Mediensystem verankern, „als Ergänzung zum privatwirtschaftlichen Journalismus und dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk“, heißt es auf der Startseite des Forums gemeinnütziger Journalismus. Seinem Ziel, die Gemeinnützigkeit von Journalismus vom Gesetzgeber und den Finanzämtern anerkannt zu bekommen, ist das Forum mit dem einen Satz im Koalitionsvertrag ein Stück nähergekommen: Erstmals bekennt sich eine Bundesregierung zu diesem Ziel.

 

Warum braucht es diese dritte Säule im Journalismus überhaupt? Das Forum verweist auf Gefahren

  • durch Sparkurse bei Verlagen und Sendern,
  • durch Medienkonzentrationsprozesse und schrumpfende Angebote in der Lokal- und Regionalberichterstattung,
  • durch den wachsenden Einfluss von Public Relations und Werbung
  • durch prekäre Arbeitsbedingungen von JournalistInnen.
  • …übrigens nicht nur in Deutschland, sondern weltweit.

 

Vor diesem Hintergrund gibt es in der ganzen Welt neue Medien-Angebote, die nicht auf Gewinnmaximierung für Verlage setzen, sondern auf gute Information der Bürgerschaft – im Sinne einer gemeinnützigen und gemeinschaftlichen Aufgabe. Viele der neuen Medien wollen Machtmissbrauch, Korruption und Fehlentwicklungen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft aufdecken. Um das zu tun, braucht es nicht nur gute Journalisten, die gründlich und hartnäckig recherchieren, sondern auch Zusammenhänge erklären: Warum ist etwas so, wie es ist? Wie entstehen Entscheidungen, wer ist beteiligt, wem nützt etwas? Oder kurz gesagt: Was hält unsere Gesellschaft im Innern zusammen?

 

Und dies gilt nicht nur für die „große Politik“ und die großen Themen unserer Gesellschaft, sondern auch und gerade für die Themen, die Menschen vor Ort in ihren Kommunen verhandeln. Auch Lokaljournalismus kann und muss gemeinnützig sein, denn nur, wer über die Themen, die ihn umgeben, Bescheid weiß, kann mitreden und mitgestalten: das Lokale als Keimzelle unserer Demokratie, als Ort, um demokratische Prozesse zu lernen und zu pflegen. Ausgedünnte, konzentrierte oder nicht mehr vorhandene lokaljournalistische Angebote stehen dem entgegen. Und es ist zu fragen, welche Bezahlmodelle diesem Ziel dienen. Klar ist, dass guter Journalismus Geld kostet. Wie ist es aber um die Vielfalt des lokalen und regionalen Medienkonsums bestellt, wenn man sich nur ein Zeitungs- oder Digitalabo leisten kann?

 

„Auch wenn wohl viele Einwohner des Landkreises sagen, sie identifizierten sich vor allem mit ihrem Wohn-, Heimat- oder Arbeitsort, so gibt es doch genügend Themen, die auf Landkreis-Ebene verhandelt und beschlossen werden müssen.“

 

Der Aufgabe, guten Lokaljournalismus zu liefern und dabei neue Wege zu gehen, hat sich auch Wokreisel.de gestellt – und zwar in Bezug auf den Landkreis Dahme-Spreewald. Denn auch wenn wohl viele Einwohner des Landkreises sagen, sie identifizierten sich vor allem mit ihrem Wohn-, Heimat- oder Arbeitsort, so gibt es doch genügend Themen, die auf Landkreis-Ebene verhandelt und beschlossen werden müssen: Wie hoch ist die Kreisumlage, also jene Summe, die die Kommunen an den Landkreis zur Wahrnehmung von Verwaltungsaufgaben zahlen? Wo werden neue Schulen gebaut? Wie schafft man Ausgleich zwischen armen und reichen Kommunen? Hinzu kommen Herausforderungen, die in vielen Kommunen sehr ähnlich sind – ein Blick über den eigenen Tellerrand kann da hilfreich sein. Man denke nur an die Digitalisierung von Verwaltungen, die Umsetzung der Kinder- und Jugendbeteiligung oder den Umgang mit historisch, kulturell und/oder sozial bedeutsamen Immobilien.

 

Es gibt also journalistisch viel zu tun in so einem Landkreis wie Dahme-Spreewald, durch den die Grenze der Verbreitungsgebiete von Lokalzeitungen und Radiosendern ebenso verläuft wie von Kirchenkreisen und anderen Institutionen. Das sehen offenbar auch Fördermittelgeber so – und haben Wokreisel für förderungswürdig befunden. War Wokreisel.de im Mai 2021 dank einer Förderung der Medienanstalt Berlin-Brandenburg an den Start gegangen, so kann die Redaktion ab Februar quasi nahtlos weitermachen – eine weitere Förderung ist zugesagt, und zwar für eine inhaltliche Schwerpunktsetzung: Es soll ein gutes Jahr lang darum gehen, die politischen Entscheidungsprozesse in den Kommunen des Landkreises genauer unter die Lupe zu nehmen. Denn in einigen Rathäusern zwischen Wildau und Lübben rumort es: Vier Abwahlen standen/stehen innerhalb eines Jahres zur Debatte. Was genau ist dort los? Wie werden politische Diskussionen geführt? Und was sagen die Bürger dazu?

 

„Wir wollen Menschen informieren, damit sie eine Entscheidung treffen können. Über ihre Gemeinschaft, ihr Leben oder ihre Kinder. Wir binden sie in unsere Recherchen ein, geben unsere Methoden weiter.“
David Schraven, Correctiv

 

Darüber hinaus soll die langfristige Perspektive von Wokreisel.de weiterentwickelt werden. Wie kann Journalismus in einer Region wie Dahme-Spreewald gemeinnützig finanziert werden? Wer sind die Leser, wie baut man sich eine Community auf? Wie interagiert man mit den Lesern? Denn Journalismus funktioniert längst nicht mehr nur in eine Richtung – als Angebot einer Redaktion an die Leserschaft. Nein, so wie Bürger stärker hinterfragen, was Politik – vermeintlich? – in ihrem Sinne entscheidet, so können Leser wichtige Impulse für eine erhellende und inspirierende Berichterstattung geben. „Heute können mehr Menschen als jemals zuvor an den Diskussionen in der Gesellschaft teilnehmen. Mehr und mehr Leute beteiligen sich an Debatten. Als Gesellschaft wissen wir aber bislang nicht, was wir mit den vielen Leuten machen sollen, die in neuen öffentlichen Räumen ihre Stimme erheben. Wir bilden sie nicht weiter. Wir lassen sie mit den neuen Möglichkeiten alleine“, schreibt David Schraven, Gründer des Recherchezentrum Correctiv, in einem Text mit dem Titel „Gemeinnütziger Journalismus wird bundesweit kommen“. Er plädiert darin dafür, die Leser mitzunehmen, sie zu befähigen und gemeinsam neue Wege zu gehen. „Wir wollen Menschen informieren, damit sie eine Entscheidung treffen können. Über ihre Gemeinschaft, ihr Leben oder ihre Kinder. Wir binden sie in unsere Recherchen ein, geben unsere Methoden weiter, organisieren Theaterstücke und Diskussionen, bauen eine Bürgerakademie auf und veröffentlichen Bücher.“ Eine redaktionelle Gesellschaft sei die Zukunft, in der die Medien „die Diskussionen in der offenen Gesellschaft organisieren [müssen], den breiten Austausch der Erkenntnisse, der Ideen und Meinungen. Sie müssen den Menschen das Wissen vermitteln, das sie brauchen, um ihre Argumente zu finden und an den Debatten teilzunehmen.“

 

Kleine Bausteine auf dem Weg dorthin sind die bisherigen Beiträge des Magazins mit ihrer oft vergleichenden und/oder konstruktiven Perspektive. Denn es kann nicht nur darum gehen, Probleme und Missstände zu benennen, nein: Es kommt auch auf Lösungen, Auswege, Perspektiven an. Für einen künftig noch stärkeren Austausch mit den Lesern – über die Sozialen Netzwerke und persönliche Gespräche hinaus – soll ein Newsletter entwickelt werden. Für diese unternehmerische Arbeit steht Wokreisel ein Stipendium des Netzwerks Recherche und der Schöpflin-Stiftung zur Seite: Das Grow-Stipendium für gemeinnützigen Journalismus fördert journalistische Projekte, die einen klaren Recherche-Schwerpunkt haben und gemeinnützig arbeiten – und bietet ihnen neben einer finanziellen Förderung vor allem Know-How, Netzwerken und eine Alumni-Community, die bereits Erfahrungen in diesem Gebiet gesammelt hat.

 

Es bleibt also auch im Jahr 2022 spannend für Wokreisel, für den gemeinnützigen Journalismus und für den Lokaljournalismus in Dahme-Spreewald. Wir freuen uns darauf und sind gespannt auf den weiteren Austausch mit Ihnen, unseren Leserinnen und Lesern!

 

Haben Sie Anregungen, Fragen oder Hinweise? Melden Sie sich gern bei uns per oder Social Media! Alle Kontakte finden sie in der rechten Leiste.

Weitere Informationen

Veröffentlichung

Do, 30. Dezember 2021

Bild zur Meldung

Weitere Meldungen

Hunger auf Kultur
Was die Kandidaten unterscheidet

Veranstaltungen

Brandenburgisches Sommerkonzert 2015 (13)

#dahmespreewald

Socialmedia