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Zwischen Produktivität und Klimaschutz

Wie soll nachhaltiger Ackerbau zwischen Produktivität und Klimaschutz funktionieren? Darauf will die Ackerbaustrategie 2035 Antworten geben, die kurz vor der Bundestagswahl veröffentlicht wurde. Was kann Direktkandidatin Sylvia Lehmann im dazugehörigen Ausschuss erreichen?

 

Von Andreas Staindl

 

Der Boden ist die Grundlage der Ernährung. Die Lebensmittelproduktion hängt zum großen Teil davon ab. Für Landwirte eine alte Weisheit. Böden unterliegen aber auch Klimaveränderungen. Zu nass, zu trocken, zu stürmisch. Überschwemmungen, Dürre und Stürme beeinflussen die Ernte längst auch im Spreewald. Auch das wissen Landwirte. Doch wie kann Produktivität auf der einen und Klimaschutz auf der anderen Seite gelingen?

 

Fachleute diskutieren, die Politik mischt sich ein und macht Vorgaben. Das Bundeslandwirtschaftsministerium hatte schon vor Monaten eine Dialogreihe zum Thema angeschoben. Experten aus Wissenschaft und Praxis gaben und geben Impulse. Sie bilden die Schnittstelle zwischen Verbrauchern und Landwirtschaft. Inzwischen hat das Bundeslandwirtschaftsministerium gemeinsam mit Wissenschaftlern die Ackerbaustrategie 2035 entwickelt und zu Papier gebracht. Zwölf Handlungsfelder wurden ausgemacht. Für jedes Handlungsfeld sind Maßnahmen für die Umsetzung festgelegt. 1000 Praktiker haben ihre Erfahrungen und Vorstellungen eingebracht. Die Ackerbaustrategie soll Wege und Optionen aufzeigen, wie Landwirtschaft nachhaltig, ökonomisch tragfähig, ökologisch verträglich und sozial ausgerichtet gestaltet werden kann. Auch die gesellschaftliche Akzeptanz spielt eine Rolle. „Wir müssen die Verbraucher, aber auch die Landwirte mitnehmen“, sagt Sylvia Lehmann, Bundestagsabgeordnete der SPD mit Wahlkreis u.a. in Dahme-Spreewald. „Der Prozess der Veränderung braucht Zeit. Wir dürfen das Tempo nicht zu schnell erhöhen. Die Fruchtfolge etwa muss berücksichtigt werden. Mit ihr wird die Fruchtbarkeit des Bodens erhalten und verbessert.“

 

Sylvia Lehmann, direkt gewählte Bundestagsabgeordnete aus Dahme-Spreewald. Foto: Andreas StaindlSylvia Lehmann kennt sich aus in der Landwirtschaft: Die Dollgenerin (Gemeinde Märkische Heide) ist studierte Ingenieur-Ökonomin und hat viele Jahre in verschiedenen Bereichen der Landwirtschaft gearbeitet, bevor sie in die Politik gewechselt ist. Im September 2021 ist die 67-Jährige als Direktkandidatin in den 20.Deutschen Bundestag eingezogen. Sie engagiert sich im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft. „Ich will dort Lobby-Arbeit für die Landwirte machen. Es gefällt mir nicht, wie auf Bundesebene über Landwirtschaft gesprochen wird. Mir fehlt da oft die Wertschätzung für Landwirte. Dabei haben sich viele von ihnen längst auf den Weg gemacht in Sachen Klima-und Artenschutz. Dieses Engagement muss viel mehr anerkannt werden. Klimaschutz und Landwirtschaft müssen sich auf Augenhöhe begegnen. Ich möchte diesen Prozess moderieren.“ Klar ist für Sylvia Lehmann, dass „die Landwirte einen finanziellen Ausgleich benötigen, wenn sie die Ziele des Klimaschutzes aktiv unterstützen. Landwirte müssen von ihrer Arbeit leben können.“

 

Damit das leichter möglich ist, setzt die Agrargenossenschaft „Unterspreewald“ eG in Dürrenhofe (Märkische Heide) auf mehrere Säulen und den Anbau verschiedener Kulturen. „Das sichert die Wirtschaftlichkeit unseres Unternehmens“, sagt der Geschäftsführer Uwe Schieban. „Es macht uns zudem von klimatischen Bedingungen unabhängiger.“ Dass dieser Weg richtig ist, bekam er 2021 zu spüren: „Den Gurken hat die Wärme gefehlt, die Ernte fiel entsprechend bescheiden aus. Die Getreideernte wiederum war überdurchschnittlich gut. Auch mit der Möhren-und Kartoffelernte sind wir zufrieden. Unsere stabilste Frucht – der Roggen – hat allerdings den schlechtesten Ertrag gebracht.“ Um auf die Erderwärmung zu reagieren, treibt Uwe Schieban die Digitalisierung in seinem Betrieb voran, versucht etwa, Pflanzen noch gezielter zu wässern: „Die Voraussetzungen sind allerdings nicht optimal. Uns fehlt ein flächendeckendes Netz, eine funktionierende Mobilfunk-Versorgung. Doch die brauchen wir beispielsweise für die Steuerung unserer Beregnungsanlagen. Die Sensoren sind auf ein stabiles Netz angewiesen.“ Die technischen Voraussetzungen auf der einen, die Anerkennung des Engagements der Landwirte für den Klimaschutz auf der anderen Seite. Uwe Schieban wartet nicht auf die Wertschätzung – eines der Handlungsfelder der Ackerbaustrategie – durch die Politik: „Man muss selber etwas tun, damit die Arbeit wertgeschätzt wird. Wir betreiben einen Hofladen, veranstalten Feste und bringen den Menschen die Landwirtschaft so näher. Die Bürger sind sehr interessiert. Unser Hofladen ist während der Corona-Zeit mehr als zuvor gefragt.“

 

Uwe Schieban hebt eine Folie auf den Spargelfeldern bei Dürrenhofe an. Der Geschäftsführer der Agrargenossenschaft „Unterspreewald“ hatte auch schon den Landrat Stephan Loge (Mitte/SPD) zu Gast.  Foto: Andreas Staindl

Uwe Schieban hebt eine Folie auf den Spargelfeldern bei Dürrenhofe an. Der Geschäftsführer der Agrargenossenschaft „Unterspreewald“ hatte auch schon den Landrat Stephan Loge (Mitte/SPD) zu Gast.  Foto: Andreas Staindl

 

Auch die Brennerei Sellendorf GmbH im Unterspreewald ist nah an den Verbrauchern, präsentiert sich auf Märkten, wirbt auf Messen. Das kleine Traditionsunternehmen versucht, Produktivität und Klimaschutz unter einen Hut zu bekommen. „Wir tauschen regelmäßig Flächen mit benachbarten Landwirten“, erzählt die Geschäftsführerin Annette Diebow. „Das gewährleistet uns eine breite Fruchtfolge und stärkt die biologische Vielfalt“ – ein weiteres Handlungsfeld der Ackerbaustrategie. Ihr Unternehmen bewirtschaftet rund 200 Hektar Acker-und Grünland, baut zudem Getreide an. „Dem Roggen hat 2021 der Regen gefehlt“, sagt die Chefin. „Den Lein haben wir wegen der Trockenheit vorfristig geerntet. Der Ertrag bei der Gerste war etwas besser als im Jahr zuvor.“ Die Brennerei reagiert auf die veränderten klimatischen Bedingungen. Sie setzt auf widerstandsfähigere Pflanzen. Annette Diebow: „Wir planen 2022 Weizen anzubauen, der gegen Trockenheit resistenter ist.“ Mit der Anpassung an den Klimawandel durch entsprechende Sorten- und Artenwahl folgt sie der Ackerbaustrategie des Bundeslandwirtschaftsministeriums. Doch nicht alle Handlungsfelder sieht die Geschäftsführerin für ihren Betrieb für hilfreich: „Die Digitalisierung noch weiter voranzutreiben, rechnet sich für unsere kleinen Flächen nicht.“

 

Sylvia Lehmann ist offen für Argumente: „Wir müssen die unterschiedlichen Strukturen unserer landwirtschaftlichen Betriebe berücksichtigen. Die großen Agrarbetriebe im Osten Deutschlands sind genauso wichtig wie die Höfe im Westen und die zahlreichen kleinen Unternehmen. Wir dürfen sie nicht gegeneinander ausspielen. Wichtig ist mir, dass wir die Landwirtschaft zukunftsfähig gestalten. Wenn die Politik Auflagen macht, müssen Landwirte einen finanziellen Ausgleich bekommen. Ich hoffe, die Europäische Union sieht das genauso“, sagt die Bundestagsabgeordnete aus dem Landkreis Dahme-Spreewald.

 

Gurkenernte ist mühsam, der Ertrag vom Wetter abhängig.  Foto: Andreas Staindl

Gurkenernte ist mühsam, der Ertrag vom Wetter abhängig. Foto: Andreas Staindl 

 

Das Strategiepapier des Bundeslandwirtschaftsministeriums liegt auf dem Tisch. Heiko Terno ist skeptisch. Der Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Reha-Gut Kemlitz gGmbH (Stadt Dahme/Teltow-Fläming) hält das Papier „für einen zahnlosen Tiger. Eine Strategie für ganz Deutschland funktioniert nicht. Die natürlichen Bedingungen sind zu unterschiedlich.“ Terno, der auch Vize-Präsident des Bauernverbands des Lands Brandenburg ist, wehrt sich dagegen, „von der Politik belehrt zu werden. Wir verwenden schon immer Pflanzen, die besonders widerstandsfähig sind. Und bei den Fruchtfolgen – die im Strategiepapier empfohlen werden – liegen wir schon um das Dreifache höher.“ Heiko Terno erwartet, dass „Politik mehr und intensiver mit uns Landwirten diskutiert, etwa regionale Besonderheiten und Bewährtes berücksichtigt, bevor sie Entscheidungen trifft.“ Er sieht auch das Vorantreiben der Digitalisierung kritisch: „Das ist zwar richtig und eine gute Idee, doch wegen der unzureichenden Netz-Infrastruktur nicht überall möglich. Wir haben ja oft noch nicht einmal Handy-Empfang. Das ist aber nötig, um unsere Beregnungsanlagen für jedes Wetter optimal zu steuern.“ Dass das Wetter die Ernte maßgeblich beeinflusst, hat auch Heiko Terno 2021 zu spüren bekommen: „Der Juni war einfach zu trocken. Wir hatten eine durchschnittliche Ernte. Die Qualität vor allem des Getreides war schlecht.“

 

Das AWO Reha-Gut Kemlitz hat mehrere Standbeine. Es betreibt Marktfruchtbau und Milchviehwirtschaft, unterhält einen Kartoffelschälbetrieb. Diese Vielfalt hilft, dass Klimaveränderungen nicht die Existenz des Betriebs gefährden. „Wer aber nur auf ein Produkt, auf ein Standbein setzt, wird es immer schwieriger haben, zu überleben und die Rahmenbedingungen der Politik umzusetzen“, sagt Sylvia Lehmann. „Wir müssen aufpassen, dass landwirtschaftliche Betriebe nicht aus wirtschaftlichen Gründen aufgeben müssen.“ Die Landwirtschaft im Landkreis Dahme-Spreewald sieht sie „gut aufgestellt. Und dass der Landrat Stephan Loge seit Jahren landwirtschaftliche Betriebe besucht, zeigt die Wertschätzung der Politik in unserem Landkreis. Landwirte und Politik müssen auch künftig im Gespräch bleiben. Dann kann der Spagat zwischen Produktivität und Klimaschutz gelingen.“

 

 

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Veröffentlichung

Do, 23. Dezember 2021

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