Medizin anders – aber schlechter?
Was bleibt, wenn zum Jahresende die Intensivstation (ITS) in Luckau geschlossen wird? Und wie geht es mit dem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) in Lübben weiter? Ob nun alles schlechter wird oder anders – darauf antworten Dr. Ulrike Jäkel und Carsten Saß.
Von Dörthe Ziemer
„Es bleibt die übliche Versorgung der Bevölkerung in den Fachrichtungen innere Medizin, Geriatrie, Urologie und Chirurgie“, kündigt Dr. Ulrike Jäkel, Ärztliche Direktorin am Evangelischen Krankenhaus in Luckau, im Podcast „Frage des Monats“ an. Was es am Evengelischen Krankenhaus in Luckau nicht mehr geben wird, ist die Intensivtherapie. „Wir werden keine Patienten mehr versorgen können, die beatmet werden, die dialysiert werden müssen“, erläutert sie.
Zugleich werde es nach Angaben des Diakonissenhauses Teltow als Krankenhausträger eine engmaschige Überwachung von Patienten in einer Intermediate Care geben, also einer Station, die „zwischen Normalstation und Intensivstation”“ liege. Die Zahl der Betten dort werde von vier auf sieben erhöht. Sollte eine intensivmedizinische Betreuung notwendig werden, könne im Akutfall beatmet und der Patient dann in ein anderes Haus verlegt werden, kündigt das Haus in einer Pressemitteilung an.
Klicken Sie hier, um die Inhalte von "youtube.com" anzuzeigen. Beim Aufruf gelten abweichende Datenschutzbestimmungen der Webseite "youtube.com"
Dieser Schritt ist eine direkte Auswirkung der Reformen im Gesundheitssektor, stellt Ulrike Jäkel fest. Die Leistungsgruppen, die durch die Krankenhausreform den einzelnen Häusern zugewiesen werden, würden Anforderungen bedingen, „die von Häusern unserer Größenordnung überhaupt nicht erfüllt werden können“, sagt sie. Für ihren Bereich, also die ITS, würden künftig zwei Fachärzte für Lungenheilkunde benötigt. Davon gebe es in Brandenburg zu wenig, zumal viele von ihnen niedergelassen sind und für die Krankenhausversorgung nicht in Betracht kämen.
Wenn diese nun fehlen, könne man zwar Beatmungsentwöhnung anbieten, bekomme dies aber nicht mehr bezahlt. „Das kann sich niemand leisten“, sagt sie. Die Folge werde sein, dass viele Patienten, die lange Zeit beatmet wurden, nicht mehr einer Entwöhnungstherapie zugeführt werden könnten. Sie würden deshalb in Beatmungswohngruppen verlegt, wo keine Entwöhnung mehr vorgesehen sei. „Das wird längerfristig zu viel höheren Kosten führen“, ist die Intensivmedizinerin überzeugt.
In Lübben wiederum steht die ambulante Versorgung im Fokus der gesundheitspolitischen Debatte. Die Stadt will ihr vor wenigen Jahren gegründetes MVZ perspektivisch dem Klinikum Dahme-Spreewald angliedern. Prinzipiell sei ein kommunales MVZ auch keine Pflichtaufgabe von Kommunen, stellt Carsten Saß, früherer Gesundheitsdezernent in Dahme-Spreewald und zuletzt Verwaltungsleiter im MVZ, fest. Es sei zudem auch mit Risiken und Herausforderungen verbunden. Er plädiert grundsätzlich dafür, in vorhandenen Strukturen zu agieren und mit der Kassenärztlichen Vereinigung über eine ausgewogene Versorgung der Region mit Fach- und Hausärzten zu sprechen.
Rein rechnerisch ist der Landkreis mit Fachärzten ausreichend versorgt, allerdings würden sich diese vor allem im Norden konzentrieren, was im Süden zu langen Fahrt- und Wartezeiten führt. Bei Hausärzten hingegen „kratzt man bereits im Bereich der Unterversorgung“, wie Carsten Saß sagt. Das führe dazu, dass vor allem Kommunalpolitiker mit Sorgen und Kritik an der medizinischen Versorgung konfrontiert werden, obwohl sie für die großen Reformen keine Verantwortung tragen. Guter Rat ist in dem Fall nicht teuer: Die beiden Gesundheitsexperten zählen viele Dinge auf, um die sich die Kommunalpolitik trotzdem kümmern kann.
Die neue Medizinerausbildung in Cottbus bezeichnet Carsten Saß als einen Schatz und es müsse darum gehen, die angehenden Ärzte dann auch in die Regionen zu locken, damit sie sich dort niederlassen. Dabei bestehe in einigen Rathäusern der Region „Luft nach oben“, wie Ulrike Jäkel feststellt, etwa mit der Unterstützung bei der Wohnungs- oder Grundstücksuche. Als sehr erfolgreich bezeichnet sie das Ärztliche Weiterbildungsnetzwerk in Dahme-Spreewald, das angehende Fachärzte dabei unterstützt, ihre Ausbildung maßgeschneidert im Landkreis absolvieren zu können – und idealerweise dann auch zu bleiben. Sie appelliert an den Landkreis, die Förderung dafür weiterzuführen.
Insgesamt sieht Carsten Saß die Versorgung im stationären Bereich in der Region als gut an und verweist auf sechs Standorte: die beiden Sana-Kliniken in Lübben und Königs Wusterhausen, Asklepios in Lübben und Teupitz, das Luckauer Krankenhaus und die Reha-Klinik in Lübben. Ulrike Jäkel erläutert, dass es inzwischen zahlreiche neue medizinische Berufsbilder jenseits der Arzt-Ausbildung gebe, die ebenfalls akademische Abschlüsse erfordern. Sie ist überzeugt, dass „wir die Gesundheitsversorgung der Zukunft nur arbeitsteilig hinbekommen werden“, und wünscht sich dabei mehr Experimentierfreudigkeit. Gesundheitsschwestern könnten Ärzte entlasten und ihnen mehr Zeit am Patienten verschaffen, ergänzt Carsten Saß.
Wie die ambulante und stationäre Versorgung künftig besser verzahnt werden und welche Rolle die Telemedizin dabei spielt, das wird in dem Strukturwandel-Projekt „Gesundheitsregion Lausitz“ entwickelt und begleitend erforscht. In diesem Rahmen soll auch in Luckau ein Primärversorgungszentrum (PVZ) bekommen. Von den Voraussetzungen dafür sei das Luckauer Krankenhaus „schon relativ weit“, sagt Ulrike Jäkel, „weil wir relativ viele ambulante, auch pflegerische Angebote schon am Start haben“.
Dazu gehören bereits eine Physiotherapiepraxis und künftig eine Schluckambulanz für neurologisch erkrankte Patienten sowie eine Community Health Nurse (Gemeindegesundheitsschwester), die Patienten zu Hause aufsucht. „Es gibt ganz viele Anforderungen seitens der Patienten, die nicht zwingend eine ärztliche Beurteilung benötigen und bei denen Pflege, wenn sie gut ausgebildet ist, durchaus sämtliche Fragen beantworten kann, aufklären kann, Prävention machen kann, Impfungen geben kann bis hin zur Wundversorgung“, erläutert sie die Aufgaben eines PVZ.
Damit folgt das Diakonissenhaus dem „Trend zur Zentralisierung wichtiger Leistungsgruppen bei gleichzeitiger Ambulantisierung der Versorgung vor Ort“, wie der kaufmännische Vorstand des Diakonissenhauses als Träger des Luckauer Krankenhauses Hans-Ulrich Schmidt jüngst im Zusammenhang mit Protesten gegen die Schließung der ITS ankündigte. Mit der Umstrukturierung müsse der Träger bis 2028/29 jenen Rahmenbedingungen folgen, die durch die Krankenhausreform beschlossenen wurden. Dazu sei mit der Intensivmedizin eine Leistungsgruppe gewählt worden, die seit Jahren immer weniger in Anspruch genommen werde: Die Fallzahlen seien auf ein Drittel gesunken. „Aus Qualitätsgründen bleibt die intensivmedizinische Betreuung künftig den großen Zentren vorbehalten“, erläutert er und stellt fest: „Wir haben die Gesetzgebung nicht gemacht.“
TIPP: Zu einem „Gesundheitsdialog in Luckau“ laden das Diakonissenhaus Teltow und die Medizinische Uni Lausitz Carl Thiem am 16. November ab 18.30 auf den Luckauer Schlossberg ein.
„Frage des Monats“
Wokreisel stellt regelmäßig zwei Experten eine „Frage des Monats“ zu einem kontrovers diskutierten Thema. Dabei geht es allerdings nicht um Kontroverse, sondern um konstruktive, vielgestaltige Perspektiven auf ein Thema.
Welche Frage haben Sie – und wem sollen wir sie stellen? uns!
Über unsere Social-Media-Kanäle können Sie zudem spezielle Fragen zum geplanten Thema stellen!
Weitere Informationen
Veröffentlichung
Bild zur Meldung
Weitere Meldungen

Ängste und Hoffnungen
Mi, 23. September 2026

Wozu brauchen wir demokratische Regeln?
Di, 25. August 2026