Dissident im Heute
Der slowakische Schriftsteller Michal Hvorecký las in Groß Köris aus seinem neuen, sehr persönlichen Sachbuch „Dissident“ vor einem Publikum, das einige Parallelen zur brandenburgischen Provinz ziehen konnte.
Von Merle Hilbk
Während vor dem Fenster die Pendler eilig ihrem Feierabend entgegenhasten, nimmt sich Michal Hvorecký Zeit, um in die Vergangenheit zurückzublicken. Mit unaufgeregter und dennoch eindringlicher Stimme erzählt der Slowake von seiner ersten Begegnung mit dem Westen. Die melancholische Erinnerung an seine ersten Stunden im Westen überträgt sich teils auf die Zuhörer im Bahnhof Groß Köris. Denn die Freiheit, die der slowakische Autor 1989 so sehr ersehnt hatte, ist heute in ganz Europa bedroht, seitdem rechtspopulistische bis rechtsextremistische, ultranationalistische Bewegungen mithilfe von aggressiv geführten Social-Media-Kampagnen die Gesellschaft spalten.
Zu der Lesung in der ehemaligen Bahnhofsgaststätte von Groß Köris hatte das Online-Magazin Wokreisel eingeladen, das sich nicht nur hintergründigen Lokaljournalismus, sondern auch die Organisation von Veranstaltungen im Landkreis Dahme-Spreewald auf die Fahne geschrieben hat – Dialogformate, die zur Kommunikation über gesellschaftliche und politische Herausforderungen beitragen. Als Herausgeberin Dörthe Ziemer erfuhr, dass Michal Hvorecký mit seinem viel diskutierten neuen Buch „Dissident“ Gast auf der Leipziger Buchmesse sein würde, lud sie ihn kurzerhand zu einem Abstecher ins Schenkenländchen ein.

Michal Hvorecký. Foto: Merle Hilbk
Michal Hvorecký begrüßt die Gäste auf Deutsch. Und liest – in der Sprache, in der er auch sein Buch geschrieben hat, zum ersten Mal. Es ist sein erstes Sachbuch nach zahlreichen Romanen, in dem er nicht nur über die Rolle von Dissidenten in bedrohten Demokratien reflektiert, sondern auch die Geschichte seiner Familie erzählt. Dabei spannt er den Bogen von der Donaumonarchie über den Fall des Kommunismus bis hin zu den autoritären Tendenzen und den gesellschaftlichen Zerwürfnissen in der slowakischen Gesellschaft heute. Ein Abgesang auf eine große Hoffnung, die er und viele seiner Landsleute mit dem Sturz des kommunistischen Regimes verbunden hatten – und eine Ermunterung zum Widerstand im Heute.
Auf Slowakisch hätte er dieses Buch nicht schreiben können, erzählt er. Deutsch beigebracht hat ihm sein Großvater, ein Zipser Sachse, Angehöriger der deutschen Minderheit, die die Tschechoslowakei nach den Beneš-Dekreten verließ. Das Vermögen der Deutschen wurde beschlagnahmt, die deutsche Sprache aus den Schulen und der Öffentlichkeit verbannt. Hvoreckýs Großvater blieb, und in seinem Redefluss in Zipser Deutsch ließ er sich auch nicht von den ängstlichen Ermahnungen seiner Tochter stoppen, die auch für ihren Enkel schlimmste Konsequenzen fürchtete, wenn er davon erzählen würde.


Doch für den Teenager wurde die deutsche Sprache zu einer inneren Befreiung. Denn sie erweiterte seinen Horizont über die nahe Staatsgrenze, den Eisernen Vorhang, hinaus. „Weder ich noch meine Eltern haben Wien oder München damals besuchen können, und wir sind auch nicht davon ausgegangen, dass das jemals möglich sein würde,“ schreibt er im ersten Buchkapitel, in dem er von dem „eigentlich unvorstellbaren Ereignis“ des 10. Dezember 1989 erzählt, an dem er mit Hundertausenden von Landsleuten die Grenze zu Österreich überquerte und die überraschten Grenzbeamten schließlich die Kontrolle aufgaben. Eine neue Welt tat sich auf, für die er sprachlich und mental gut gerüstet war. „Nach bleiernen Jahrzehnten der Diktatur schienen Freiheit und Demokratie endlich greifbar,“ schreibt er.
Als Kind hatte er heimlich die Nachrichtensendungen des Österreichischen Fernsehens geschaut, dessen Empfang so wenige Kilometer hinter der Grenze trotz Störsendern nur schwer verhindert werden konnte. Er hatte die „Volksstimme“ der österreichischen Kommunisten gelesen, die einzige deutschsprachige Zeitung, die in Bratislava zu bekommen war. Das Gelesene hatte eine Sehnsucht in ihm geweckt – die sich an diesem Tag auf diesem Marsch über die Donau und entlang des March bis ins österreichische Wolfstahl erfüllte. 13 sei er damals gewesen und mit einem Schlag erwachsen geworden. „Die Reaktionen der Österreicher haben mich überwältigt, es herrschte eine echte, unvergessliche Willkommenskultur“, liest er; eine Szene, die bei seinen deutschen Zuhörern eigene Erinnerungen weckte an die ersten Schritte in den Westen, so dass ein lebhaftes Erzählen beginnt, bevor Michal Hvorecký mit der nächsten Lesepassage in die Gegenwart zurückkehrt.


Auch wegen dieser Gegenwartsbeschreibung ist der 49-Jährige derzeit ein gefragter Gesprächspartner. Denn er analysiert etwas, was viele angespannt verfolgen: den Rechtsruck in Europa. Den Versuch autoritärer Bewegungen, die Zivilgesellschaft mit Propaganda und identitärer Politik zu destabilisieren. Er schildert die Manöver und Strategien des slowakische Langzeit-Präsidenten Robert Fico und seiner Partei „Smer“ (Richtung), die mit symbolischen Aktionen wie der Klarstellung in der Verfassung, dass es nur zwei Geschlechter gebe, und einer Abtreibungsdebatte inmitten einer massiven Wirtschaftskrise die Stimmung gegen vermeintliche Eliten, gegen Flüchtlinge und „Landesverräter“ anheizt. Und er sucht die Nähe zu Autokraten wie Victor Orban und Wladimir Putin, dem er nach dessen Einmarsch in der Ukraine einen Privatbesuch abstattete. Das machte ihn auch in Deutschland bekannter, wo der Wandel der Slowakei vom einstigen wirtschaftlichen Zugpferd in Mittelosteuropa zu einem Land des Niedergangs und des neuen Autoritarismus längst nicht so bekannt war wie der des Nachbarlandes Ungarn.
Ein neuer Autoritarismus, der die nach dem Ende des Kommunismus entstandenen zivilgesellschaftlichen Netzwerke mit Social-Media-Propaganda zu spalten versucht – und missliebige Kulturschaffende wie Michal Hvorecký unter Druck setzt. Als er die Kulturministerin Martina Šimkovičová in einem Beitrag als Neofaschistin bezeichnete, zeigte sie ihn wegen „Verleumdung“ an. Ein Delikt, auf das in der Slowakei bis zu fünf Jahre Haft stehen. Hvorecký nahm sich einen Anwalt. Derweil bat ihn er deutsche „Tropen“-Verlag, ein Buch über den extremen Rechtsruck zu schreiben. Ein Sachbuch, das zu einer Art politischer Biografie seines Autors und dessen Familie wurde.


Der Titel „Dissident“ steht dabei für eine Rolle, in der sich der Autor nun sieht. Denn „Dissident“ sei nicht nur eine Würdigung der Widerstandskämpfer aus der Vergangenheit, sondern auch eine ermutigende Beschreibung gegenwärtiger Widerstandsinitiativen: beispielsweise gegen den Raubbau in den Wäldern der Karpaten durch die – mit dem Umweltminister verflochtene – Holzindustrie.
Michal Hvoreckýs „Fall“ in Bratislava endete mit einem Freispruch: Er darf die Kulturministerin als Neofaschistin bezeichnen. Seine Lesung in Groß Köris endete mit einer lebhaften Diskussion. Denn die Frage, wie sich Gesellschaften gegen die Spaltungsstrategien der Neuen Rechten und Rechtsextremisten solidarisieren können, beschäftigte die Gäste im Bahnhof sehr. Sie habe beim Lesen des Buches manchmal gedacht, der Autor schreibe über Dahme-Spreewald, sagte Dörthe Ziemer, die als Lokalreporterin in vielen – manchmal sehr unübersichtlich verlaufenden – Gemeindevertretersitzungen und Stadtverordnetenversammlungen unterwegs ist.
Einige der Gäste des Abends sind in politischen Gruppierungen aktiv, andere in Vereinen, die Begegnungen für gesellschaftlichen Austausch und Zusammenhalt organisieren. Während einer von ihnen etwas resigniert auf die Schnelligkeit und Unverfrorenheit verwies, mit der Rechtspopulisten und -extremisten in den Sozialen Medien unterwegs seien, was man schwerlich mit gleicher Münze zurückzahlen könne, entgegnete ein anderer, dass es gerade Begegnungen vor Ort seien, auf die es nun ankomme: Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen, auch in den kleinsten Dörfern.
So wie an diesem Abend, der erst durch Michal Hvorckýs höfliche Erinnerung daran endete, dass er am nächsten Tag einen sehr frühen Zug weiter zum nächsten Gespräch nehmen müsse. Und mit einem Geschenk zur Erweiterung seiner slawischen Sprachkenntnisse: ein Buch für Sorbisch-Lerner, das ihm Veranstalterin Dörthe Ziemer zum Abschluss überreichte. Die Gesprächreihe wird mit unterschiedlichen Formaten in den kommenden Monaten fortgesetzt, darunter zum Thema Bildung, Heimat, Krieg & Frieden und mehr.
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